Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 8
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Statistik kirchlicher Neubauten und
Restaurationen.

Gemäß des in der Generalversammlung
unseres Kunstvereins ausgesprochenen Wun-
sches und eines Beschlusses des leitenden
Ausschusses desselben soll die Aufzählung und
kurzgefaßte Beschreibung alter Kirchen romani-
scheil und gothischen, auch hervorragender
Leistungen des Renaissance-Styls, ebenso der
in den letzten Decennien ausgeführten
Neubauten und Restaurationen von Kir-
chen und Kapellen ein stehendes Kapitel
des „Archivs" bilden Die Motive dazu
liegen auf der Hand, denn auch hier gilt
der Satz: Beispiele ziehen. Es kann

auch nur von nicht zu unterschätzendem
Nutzen sein, wenn fortlaufend darüber Re-
chenschaft abgelegt wird, welche Blüten und
Früchte der wiedererwachte Eifer im Glau-
bensleben auch auf dem Gebiete des Eultus
und seiner Requisiten in einer Diözese ge-
trieben hat. Endlich ist das Studium einer
wohlüberlegten, nach richtigen Grundsätzen
und mit steter Berücksichtigung der prakti-
schen Bedürfnisse der Gegentvart entworfe-
nen und einheitlich durchgeführten Restau-
ration sehr lehrreich. . Wenn wir daher die
eigene Diözese uub das Gebiet unseres Leser-
kreises als erstes Ziel bei dieser Beschreibung
im Auge haben müssen, so bleiben doch Bau-
ten und Restaurationen aus ferneren Gegen-
den nicht ausgeschlossen, wenn sie ganz be-
sonders instruktiv sind und auch für kleinere
Verhältnisse praktisches Interesse bieten.

Bei aller Wahrung der Ansprüche, welche
die individuelle Aussassung zu machen berech-
tigt ist, wird es nur von Vortheil sein kön-
nen, wenn die Herren Mitarbeiter eine ge-
meinsame Ordnung beobachten. Unmaßgeb-
lich schlagen wir folgende Gesichtspunkte vor.

A. Bauten. 1. Alte Kirchen. 2. Neu-
bauten. 3. Neubauten einzelner Theile, z. B.
deS Chors oder Schisses, Thurmes u. drgl.
4. Bauten behufs der Erweiterung des Kirchen-
raums.

8. Restaurationen.

I. Aeußerer Bau.

II. Jnnenbau. 1. Restauration der inne-
ren Architektur (Wände und Manerverstär-
kungen, Säulen und Pfeiler, Gewölbe). 2.
Restauration des Innern durch Malerei und
Plastik ohne architektonische Veränderung. 3.
Glasmalerei. 4. Bodenbeplattung.

I!I. Einbau. Altäre, Tausstein, Beicht-
stühle, Kanzel, Orgel, Gestühl im Chor
und Schiff, Weihwassergefäß; Requisiten für
einzelne Kirchen, wie Faldistorien, Vesper-
stühle u. drgl.

0. Paramentik, liturgische Gefäße und
Utensilien von Silber oder anderem Metall
und Holz, als: Kelche, Eiborien, Monstran-
zen, Ampullen, hl. Oel-Gefäße, Tausschalen,
Leuchter, kleinere Weihwassergesäße, Pulte,
Einrichtung der Sakristei und Paramenten-
kammer.

Die unter 0. begriffenen Gegenstände lind
aber nur dann einer Erwähnung und kurzen,
allgemeinen Schilderung werth, wenn sie
über das bloß Handwerksmäßige gehen und
durch Umfang der Opfer und durch innern
Werth sich hervorthun.

Sehr zu empfehlen ist es, wenn sich die
Beschreibung gleichzeitig aus einen ganzen
Dekanatsbezirk ausdehnt. Inhaltlich wären
dann alle Fälle unter die oben beschriebene
Eintheilung einzureihen, die Gebäude nach
Material, Styl, Zeit der Erbauung, unge-
fähren Größe ganz kurz zu beschreiben. Hie-
ran knüpft sich die Darstellung der neuen
Leistungen mit kurzer Charakteristik und Be-
nennung des ausführenden Meisters.

Bei Restaurationen von größerem Umfang,
welche über den ganzen Jnnenbau sich er-
strecken oder namhafte Theile des Außenbaus
betreffen, ist es sehr lehrreich, den bisherigen,
vielleicht durch übelverstandeue Restaura-
tion oder Einbau verschlimmerten Zustand
zu schildern, die besonder» Schwierigkeiten
namhaft zu machen und die Grundsätze dar-
zulegen und zu begründen, aus denen gerade
so und nicht anders verfahren wurde. Dies
trifft dann besonders zu, wenn die Restau-
ration alter, stylgerechter Kirchengebäude
irgendwie von den Stylgesetzen des Baues
abweicht. In einer solchen Darstellung ent-
faltet sich das Bild eines eingehenden Stu-
diums der zu restaurirenden Kirche und der
zarten Rücksicht auf den Cult und die Be-
dürfnisse der Gegenwart, zweier unerläßlichen
Vorbedingungen einer glücklichen Restaura-
tion. In manchen Fällen ist eine Restau-
ration nicht auf einmal, aber doch nach einem
feststehenden Plane consequent ausgesührt
worden. Die Geschichte eines solchen allmäh-
lig festgestellten Plans lind seiner länger
dauernden, aber beharrlich verfolgten Aus-
führung ist wohl das Lehrreichste.

Möge es in jedem Dekanat einem Sach-
verständigen gefallen, sich dem Studium sei-
nes Bezirks zu unterziehen und seine Arbeit
dein „Archiv" einzuverleiben. Wir selbst
werden in der nächsten Nummer mit einem
Bezirk beginnen, der in fast allen oben anf-
gezählten Richtungen eine Leistung aufzu-
weisen hat.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Bolksblatt."
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