Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

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6. Die Bauleute haben darauf zu ach-
ten , daß alle Theile des Lepulellmm in
meistermäßiger Steinhauerarbeit ausgeführt
seien, daß insbesondere der Falz des Le-
pulchrum mit vollkommenster Genauigkeit
hergestellt und der Schlußstein ihm in
schön behandeltenStoßfugen angepaßt werde,
also, daß nach Anfziehnng eines feinkörni-
gen guten Speifes ■— am besten unver-
fälschter Portland-Cement — die kleine
Lepulcllrurn-Platte mit der Mensa in ganz
gleicher Flucht liege und die ausgefüllten
Stoßfugen von feinem Schnitt seien.

7. Sie mögen ferner darauf achten, daß
die Platte des Sepulchrum (das Ponti-
fikate nennt sie gleichfalls Tabula) in
einer mit der Qualität des Steins und
einer ihrer eigenen Größe im Verhältnis;
stehenden Stärke angefertigt werde, also,
daß sie auch einen bei widrigen Zufällen
leicht möglichen starken Stoß oder Druck
anshalten kann, ohne Schaden zu nehmen.
Gutes Material in gehöriger Stärke, feine,
mit sehr hart werdendem Portland-Cement
ausgefüllte Stoßfugen und sattes Anstiegen
der Platten auf dem Falzrande dürfte die
menschenmögliche Bürgschaft gegen Zer-
springen oder wesentliche Verletzung der
Platte leisten, ebenso sehr aber etwaigen
Versuchungen zur Untersuchung und Oeff-
nnng des Sepulchrum entgegenwirken.

8. Es kann der Fall eintreten (wenn
wir recht unterrichtet sind, ist er wirklich
eingetreten), daß ein Meister in die Ver-
suchung geräth, die Mensa ans zwei auf-
einander liegenden Platten herzustellen.
Die Gründe, warum dies geschah, ob ge-
ringerer Kostenpunkt, oder die Rücksicht auf
die nöthige Stärke, gehören nicht hieher;
genug, es soll geschehen sein und kann wie-
der geschehen. Nach unserer Ansicht geht
das aber nicht an. Mag das Sepulchrum
vorn, in der Mitte oder auf der Rückseite
des Ltipes sein, die Mensa also auch nur
als Deckplatte des Sepulchrum dienen,
ändert die Sache nicht; in allen Fällen
setzt das Pontifikalbuch die zu konsekrirende
Mensa oder Tabula als einen ungetheil-
ten Stein voraus. Noch bedenklicher aber
wird die Sache, wenn das Sepulchrum
in der Altarplatte selbst ist, denn dann
läge es in zwei verschiedenen oder getheil-
ten Steinen. Wenn Marmorplatten, bei
welchen diese Zusammenstellung vielleicht

nothwendig erscheinen könnte, nur um ein
solches Opfer zu haben sind, würden wir
lieber darauf verzichten und einer Mensa
von ordinärem Stein den Vorzug geben.

9. Was die Hüter und Wächter des
Heiligthnms, die Priester und die vor allen
dazu berufenen Pfarrer betrifft, so müssen
sie vor allem für die Unverletzlichkeit dieses
Grabes der Heiligen mit aller Gewissen-
haftigkeit einstehen. Es geht nicht an, ein
Noli me tangere auf die Platte zu schrei-
ben oder zu graben, um so unauslöschli-
cher müssen sie das Wort sich ins Gewissen
schreiben und allen Bediensteten einschärfen.

(Fortsetzung folgt.)

Studien über Elastik.

Von F. Festiiig.

II.

Die zeichnende Hand muß in Uebung
bleiben, das vom Auge Aufgenommene
korrekt von ihm abzulesen und mit tech-
nischer Sicherheit sogleich zu fixiren. Hub
auch das Auge hat dabei den Nutzen, dnrch
den fortgesetzten Vergleich der schnell ent-
worfenen Zeichnung mit dem nachgebilde-
teit Gegenstände sich zu schärfen und immer
geschickter im schnellen Erfassen der Er-
scheinungen in Natur und Leben zu werden.

Dnrch diesen fortgesetzten Prozeß, in
welchem der Bildner mit der äußern Welt
verkehrt, hat derselbe stets das sicherste
Mittel, die Gebilde seiner Phantasie nach
den Bildern der Wirklichkeit zu korrigiren,
sich einen Vorrath charakteristischer Formen,
als die klaren Schriftzüge für bestimmte
künstlerische Gedanken zu sammeln und
zugleich seine Hand zu gewöhnen, den Be-
wegungen seiner Phantasie mit Leichtigkeit
zu folgen.

Die Geschichte der bildenden Künste lehrt
uns, daß gerade die bedeutendsten Bild-
hauer itub Maler immer wieder zu der
Natur und Wirklichkeit zurückkehrten, um
durch neue Beobachtung und Skizzirnng
das bereits Gelernte, aber nicht Ausgelernte,
zu wiederholen und die alten Eindrücke zu
erneuern und zu erweitern. Dadurch wurde
es ihnen gerade möglich, sich den natur-
wüchsigen, realistisch lebenskräftigen Boden
immer mehr zu sichern und anzubanen, auf
welchem fußend sie ihre zugleich natur-
wahren, geist- und lebensvollen und schön-
heitsreichen Jdealgestalten zu schaffen ver-
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