Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 13
DOI Heft: 10.11588/diglit.15859.6
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15859.7
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15859.8
DOI Seite: 10.11588/diglit.15859#0021
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1883/0021
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
13

mochten. „Wie Leonardo und Michel Angelo
in den geheimnißvollen Werkstätten der
Natur umhergewühlt und geforscht, wie
liebevoll sich Raphael der Natursülle hin-
gegebeu, lehren sowohl die größeru Werke
dieser Meister, als vornehmlich ihre Studien-
bücher und Handzeichnungen." (Rumohr,
S. 33.) Und diese drei Namen sind, wenn
auch nicht Muster eines kirchlichen Styls,
so doch Meister in der Technik.

Am bezeichnendsten tritt jenes „unermüd-
lich sammelnde Belauschen des Ausdrucks
der menschlichen Erscheinung" bei dem durch
die „höchste Fassungskraft und Klarheit
des forschenden Künstlerblicks" ausgezeich-
neten Leonardo da Vinci hervor. So machte
es ihm nach Vasari ein besonderes Ver-
gnügen, Menschen mü ungewöhnlichen Ge-
sichtszügen, Bärten oder Haarschmnck zu
begegnen. Wer ihm gefiel, dem hätte er
einen ganzen Tag nachgehen können, und
seine Gestalt prägte sich ihm so ein, daß
er, zu Hause angelangt, sie zeichnete, als
ob sie vor ihm stände.

Daß dieses skizzirende Sammeln, dieses
Abschreiben aus dem Buche der Natur,
noch nicht die eigentlich künstlerische Thätig-
keit selbst sei, braucht wohl kaum bemerkt
zu werden. Es ist gleichsam nur das
Lernen der Buchstaben und Wörter, durch
deren Zusammensetzung zu wohlkonstruirten,
logisch verbundenen Sätzen die schöne, ge-
dankenvolle Rede entsteht. Auch das Kunst-
werk soll ein mit der Sprache edler und
schöner Formen redendes, Geist und Leben
offenbarendes Wort sein. Es muß daher
sowohl nach Außen die in der Natur zer-
streuten Elemente der Schönheit zu einem
harmonischen Bilde in sich vereinigen, als
auch von Innen heraus durch ben beleben-
den Geist zu einem gedankenvollen, anspre-
chenden Organismus herausgebildet sein.

Ja selbst die genaue Ausarbeitung einer
Naturstudie und selbst eines bloßen Aktes
gibt noch kein Kunstwerk im eigentlichen
Sinne, insofern dasselbe den Stempel der
Originalität au sich tragen, etwas wahr-
haft Schöpferisches ausweisen muß.-Denn
die Kunst ist, was heutzutage nicht genug
betont werden kann, nicht bloße Nach-
ahmung, sondern-Jdealisirung der Wirklich-
keit; das Kunstwerk ist die Darstellung des
Ideals in möglichst vollkommener Erschei-
nungsform.

Der wahrhaft geniale, seiner Aufgabe
nnb seines Könnens sich bewußte Künst-
ler wird auch bei aller liebevollen Anleh-
nung an und Versenkung in die Natur,
bei dem sorgfältigen Betrachten ihrer schönen
Einzelheiten, sowie des Studiums ihrer
Organismen, nicht Gefahr lausen, aus
naturalistische und realistische Abwege zu
gerathen; ja, er gerade am wenigsten. So-
bald er vergessen würde, daß „der Buch-
stabe tobtet und nur der Geist lebendig
macht", ich meine, sobald er sich ans bloße
Natnrnachahmung verlegen würde, müßte
er aus ben Namen und Ruhm eines wahren
Künstlers verzichten. Er würde, wollte er
die Natur, die reine Wirklichkeit, auch noch
so getreu in Stein und Farben nachbilden,
unter Umständen eine bedeutende Thätigkeit,
aber keine wahre künstlerische — schöpfe-
rische - Thätigkeit entwickeln. Er würde
bei bewußter Unterordnung unter die Natur
und bei vollkommener Treue in der Wieder-
gabe des Vorhandenen, bloß Larven Hervor-
bringen, oder „Kunststücke", aber keine
„Kunstwerke" machen.

Doch der bildende Künstler sowohl als
der Dichter hat nicht nur Darstellungen
aus dem Bereiche der Gegenwart, sondern
auch der Vergangenheit zu entwerfen. Und
gerade diese geschichtlichen Vorwürfe machen
den Inhalt der höchsten und idealsten Kunst,
der „historischen Kunst", zu der auch die
„religiöse" gehört, aus. Es genügt also
nicht, will er den gesteigerten Ansprüchen
der letztern entsprechen, daß er nur das
Gegenwärtige, welches sich in sinnlich-geisti-
ger Nähe unmittelbar vor ihm bewegt, durch
Anschauung und Beobachtung seinem Ge-
dächtnisse einprägt. Er muß auch im Stande
sein und sich bemühen, das Vergangene
und Entfernte durch energische Vergegen-
wärtigung sich nahe zu bringen; er muß
jene gesteigerte Kraft der sinnlichen Vor-
stellung besitzen und üben, wodurch er sich
aus der überliefernden Kunde der Geschichte
die alte, ursprüngliche Lebensgestalt der
Zustände und Ereignisse wiederherzustellen
vermag, um das künstlerisch Gestaltbare in
der Geschichte für seine Darstellung zu
gewinnen.

Hiezu bedarf er der eingehenden Benutz-
ung verfchiedener Vermittlungs-Hilfsmittel,
durch welche er die Vergangenheit seinem
inneren Auge vorführen kann. Hiezu ge-
loading ...