Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

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im Kontakt hält mit der kirchlichen Kunst-
überlieferung, die in den dunklen Tiefen
der Katamkoben entspringt, wird auf dem
Gebiet religiöser Darstellung nie etwas
wahrhaft Großes, aber viel Verfehltes lei-
sten. Diese Pflicht verbindet bis auf's
Einzelne und Kleine hinaus. Schritt für
Schritt sollte man die Tradition befragen;
nicht Eine Komposition sollte man zu ent-
werfen wagen, ohne zu wissen, wie die be-
treffende Scene bisher, namentlich in den
klassischen Jahrhunderten christlicher Kunst
gedacht, aufgefaßt, arrangirt wurde, welcher
Kanon sich allmählig in deren Darstellung
gebildet hat. Wie manchem hohlen Künstler-
Hirn würden durch diese Untersuchung die
nöthigen Ideen zugeleitet; vor wievielen
leeren, unfreiwillig naiven, oder gar an-
stößigen Darstellungen hl. Gegenstände
wären durch sie unsere Kirchen bewahrt
worden.

Wir gedenken diesen Satz von weittragen-
der praktischer Bedeutung an einigen Bei-
spielen zu illustriren und wollen zunächst
kurz untersuchen, in welcher Weise die
christliche Kunst das G e h e i m n i ß des
F e st e s Mariä L i ch t m e ß darzustellen
pflegt. Wir halten uns dabei im allge-
meinen an das vortreffliche Werk von
Grimouald de St. Laurent: Guide de
l’art chretien, troisieme partie: icono-
graphie des mysteres (Paris 1874).

Bekanntlich ist das Lichtmeßfest ebenso
ein Fest des Herrn wie der allerseligsten
Jungfrau. Es schließt in sich drei Mo-
mente: Die Unterwerfung Mariens unter
das Gesetz der Reinigung (purifieario B.
M. V.); ferner den Einzug Jesu in den
Tempel (die Erfüllung der Prophezie des
Aggäus 2, 8: et veniet desideratus cunc-
tis gentibus et implebo domum istam
gloria) und seine Darstellung im Tempel;
endlich ist die Festseier getragen und ver-
schönt durch die Lichterweihe, durch das
Symbol des Lichtes.

Es ist nicht unwichtig, zunächst hervor-
zuheben, daß die kirchliche Malerei mit
einer einzigen Ausnahme nie eigentlich die
Reinigung Mariens dargestellt hat, d. h.
die Vornahme jener rituellen Gebräuche, in
denen die lustratio der Wöchnerinnen be-
stand. Die eine Ausnahme, um sie so-
gleich zu nennen, ist ein Bild von Carpaccio,
welches die Jungfrau darstellt vor dem

Hohenpriester ohne das hl. Kind; Josef
hält dem Hohenpriester wie zur Bezeugung
seiner und [einer Verlobten Virginität eine
Lilie entgegen. Das Bild entbehrt nicht
eines süßen Zaubers und frommer Ge-
danken, aber es befriedigt nicht wegen der
unmotivirten und schwer erklärlichen Ab-
wesenheit des Kindes. Und doch hatte
Carpaccio in gewisser Weise Recht, daß er
es nicht in die Scene ausnahm; seine Ein-
verwebung in das Bild hat fast zur noth-
wendigen Folge, daß die repraesentatio
über die purificatio dominirt. Die christ-
liche Kunst legt nun auch allen Nachdruck
aus erstere und ignorirt letztere fast ganz;
man wird ihr das nicht verargen; sie be-
findet sich damit im Einklang mit der Er-
zählung des Evangeliums mtb sie wird mit
Recht von der Anschauung ausgehen, daß
in der repraesentatio des Kindes die puri-
ficatio der Mutter genügend angedentet
sei, daß neben der großartigen Bedeutung
jener diese jüdische Ceremonie, die hier ohne-
hin nicht ans Pflicht, sondern ans Demuth
beobachtet wird, kein Recht ans besondere
Darstellung erheben dürfe.

Die beiden anderen Festgedanken finden
wir stark premirt schon aus dem ersten
Bild, das die uns vorschwebende Scene
darstellt und sich unter den Mosaiken von
Maria Maggiore in Rom befindet (V. Jahr-
hundert). Es setzt sich zusammen aus zwei
sich einander entgegenbewegenden Gruppen;
die eine zieht in den Tempel ein, die
andere zieht ihr ans dem Tempel entgegen.
Josef ist der erste, der in den Tempel cin-
tritt, und er begegnet zuerst der Prophetin
Anna; hinter Anna kommt Simeon, be-
gleitet von mehreren Leviten. Josef hat
einen, Maria zwei Engel zu Begleiterin;
in langsamem, feierlichem Schritt trägt letztere
das Kind in den Tempel hinein. Wir
finden in diesem Bilde einmal klar die
Idee des Einzuges des Messias in den
Tempel ausgedrückt; daher die Erweiterung
der Scene und die Vermehrung der wenigen
historischen Personen durch Beiziehung von
Engeln und Leviten, gleichsam um einen
Festzug zu veranstalten und um den Er-
löser gebührend im Tempel empfangen wer-
den zu lassen. Die Gestalt der Jungfrau
und die Gravität, mit welcher sie einher-
schreitet und das Kind trägt, drückt die
Darstellung und Aufopferung aus, die hier
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