Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 22
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durch die Hände der Mutter geschieht. Bald
wählte sich der Gedanke der Hinopferung
einen noch prägnanteren Ausdruck. Um
die Opfernden noch plastischer zu geben
und in offenbarer Anspielung an den Zu-
sammenhang des Geheimnisses mit dem
Meßopfer wurde der Altar herbeigezogen,
über welchem entweder durch Maria oder
durch Simeon die Darstellung vollzogen
wird. So hält auf dem Diptychon der
Ambrosianischen Basilika in Mailand Maria
das hl. Kind hoch empor über einem christ-
lichen Altar; Simeon ist ihr zugewandt
und hält sich bereit, ans verhüllten Händen
das hl. Opfer entgegenznnehmen. Auf
einem Reliqniarium des vatikanischen Mu-
seums ans dem XIII. Jahrhundert variirt
die Darstellung nur dadurch, daß das Kind
den Globus in der Hand trägt und auf
dem Altar zum noch deutlicheren Hinweis
ans das Meßopfer, der Kelch steht. Der
Altar wird bald stehendes Attribut der
Darstellnngsbilder. Sehr bemerkenswerth
ist, daß ans alten Stickereien der Kirche
von Agnani aus dem XIII. Jahrhundert
und auf einer Miniatur in der Bibliothek
zu Laon aus dem XIV. Jahrhundert das
Jesuskind auf dem Altar steht, nicht ge-
tragen, sondern nur gehalten von der
Mutter. Hier ist der Schwerpunkt des
Opfers recht deutlich ins Kind selbst ver-
legt und die Selbstaufopferung desselben
betont. Orcagna vertauscht auf beit Bas-
reliefs von Orsanmichele den christlichen
Altar mit dem jüdischen Brandopferaltar
lind gibt das Kind Simeon in die Arme.
Wenn in demBenediktionale von St. Oethel-
wold HX. Jahrhundert) Josef in der Weise
sich am Opfer betheiligt, daß er die Tauben
nicht bloß trägt, sondern im gleichen Opfer-
gestus emporhält, wie Maria das Kind, so
liegt hierin ein sehr schöner Gedanke: Die
Tauben sollen vorläufiges Substitut sein,
bis das himmlische Opferlamm selbst wirk-
lich geschlachtet wird. Die stärkste Paralleli-
sirnng mit dem Meßopfer enthält wohl
ein Miniaturbild ans einem Evangeliarium
der Bibliothek zu Laon (XII. Jahrhundert);
hier hält Simeon allein, mit einer Kasnla
bekleidet, das Kind über den Altar; die
Darstellung ist hier aus dem Historischen
ins Symbolische übergegangen.

Weicher und sanfter, nicht mehr mit dem
scharfen, dogmatischen Accent der ersten

christlichen Jahrhunderte ist die Opseridee
ansgedrückt, wenn die Kunst die Hingabe
Jesu für uns und an uns hervorhebt in
dem Kinde, das sich willig von Maria aus
die Arme Simeons legen läßt. Am lieblich-
sten stellt diesen Gedanken Fiesole dar in
einem Bilde der Akademie von Florenz.
Mit unbeschreiblicher Rührung hat hier
Simeon das Kind auf den Arm genommen;
Maria hat es aus den Händen gegeben,
aber wie unbewußt sind ihre Hände in der
Lage geblieben, wie im Augenblicke des
Darreichens; sie blieben noch nach dem
Kinde hin ausgestreckt, als hielten sie es
noch, wie auch die Gedanken der Mutter sich
nicht von ihm trennen können. Es ist eine
Schwächung dieser schönen Idee und ein
Herabsinken ins rein Menschliche, wenn
Raphael ans einem Teppich im Vatikan
das Kind darstellt, sehr wenig gewillt, sich
von der Mutter zu trennen, und die Mutter
darstellt, wie sie zwar sich vom Kinde trennt,
aber mehr als ungern.

Wenn einige Spätere Simeon geradezu
zum Hohenpriester gestempelt haben und
Maria sogar vor ihm niederknieen lassen,
so ist das nicht zu billigen; ihn als Priester
darzustellen, kann nicht gerade unstatthaft
genannt werden, obwohl sein Priesterthum
nicht über allen Zweifel erhaben ist. In
den obigen kurzen Andeutungen der alten
künstlerischen Auffassung des Gegenstandes
werden manche Grundlinien einer guten
und korrekten Darstellung desselben gefun-
den werden können. Man vergesse nicht,
die Kerze beizugeben; dieselbe befindet sich
schon auf dem oben angezogenen Relignia-
rium im Vatikan (XIII. Jahrhundert);
eine weibliche Person oder ein Engel trägt
sie. Joseph trägt nach stehender Ueber-
lieferung die Tauben; ihn dieselben opfernd
emporhalten zu lassen, ist ein nachahmens-
werther Zug, ebenso das hl. Kind ans dem
Altar stehend von der Mutter gehalten
darznstellen; das Opfer des Kindes und
der Mutter und der Zusammenhang mit
dem Meßopfer ist so am präcisesten wieder-
gegeben.

s)erg Ratgeb von Tchwäbisch-Gmünd.

O. Donner- von Richter, Maler und Knnst-
schriftsteller in Frankfurt a. M., hat uns
durch seine gründlichen Forschungen die Kennt-
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