Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 27
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1 cm
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und Gesims ca. 6 cm ausladen, wie das
vorhin schon beschrieben wurde. Von Kon-
stantin des Großen Zeiten an bis ties
in das Mittelalter herab wetteiserten die
hervorragenderen und reicheren Kirchen mit
einander, die Altäre mit solch kostbaren
Antipendien zu zieren. Ost waren sie von
purem Golde, dazu noch mit Perlen und
Edelsteinen, mit Darstellungen in getriebe-
ner Arbeit und Email geziert. Die den
Hauptaltar der Markuskirche in Venedig
nach allen vier Seiten umgebende Beklei-
dung aus dem 10. Jahrhundert hat 27
solcher Darstellungen, 1111 Edelsteine und
1300 große Perlen. In neuester Zeit ist
dieser Eifer wieder erwacht; der Verfasser
verfehlt nicht, beizufügen, daß in seiner
Pfarrkirche ein zweiter Altar in diesem
Schmucke prangt und daß dieses Beispiel
schon mehrfach nachgeahmt worden ist. Wir
verzichten dabei gern ans pures Goldblech
und begnügen uns mit Kupfer oder Mes-
sing in guter Vergoldung; ebenso auf
Perlen und edle Steine. Email, die Farbe
für das Metall, sollte freilich ebensowenig
fehlen, als die Farbe bei den Bildwerken ans
anderem Material, obgleich das Gold selbst
schon eine Grundfarbe repräsentirt und
nicht so todt ist, wie Holz und gemeiner
Werkstein. Wem die Mittel nicht fehlen,
möge nicht säumen, diesem Knnstzweig,
einem der herrlichsten von allen, die der
Kirche je gedient haben, wenigstens einen
bescheidenen Platz zu gönnen.

Eins aber dürfen wir nicht vergessen,
die Mahnung nämlich, an schon konsekrir-
ten Altären Veränderungen, wie das Ab-
spitzen der Vorderseite des Ltipes oder
auch nur die Einführung der Holzdibel
ohne Erlaubnis; des Bischofs ängstlich zu
vermeiden. Wir haben zunächst neue Al-
tarsteine im Auge, wenn wir obige Vor-
schläge machen.

Zu Leistungen, wie die eben beschriebe-
nen, können sich aber nicht alle Kirchen
erschwingen. Das Holz wird, wie bisher,
so auch in Zukunft in sehr vielen, wo
nicht den meisten Fällen das Material
sein, aus welchem die Umkleidung des Al-
tars gebildet wird. Das Holz ist aber,
wie. der gemeine, bei uns hauptsächlich
vorkommende Werkstein ein todtes, unschein-
bares Material, wenn es nicht durch archi-
tektonische Form und durch künstlerische

Benützung der Farbe gehoben wird. Das
gilt in gewissem Grade auch vom weißen,
weil farblosen Marmor. Die hölzerne
Umkleidung muß also durch Form und
Farbe sich hervorzuthun trachten, zuerst
durch die architektonische Form, dann wo-
möglich auch durch Produkte der bildenden
Kunst, wohin um ihrer größeren plasti-
schen Wirksamkeit willen vor allem die
Reliefbilder zu rechnen sind. Wohl Nie-
mand wird bestreiten, daß z. B. ein Altar
mit Holzumkleidung und zwei kräftigen
hölzernen Säulen nach dem Muster der
Fig. 9 von ergiebiger plastischer Wirkung
wäre, sei er nun im romanischen oder im
gothischen Style ausgeführt. Nur Einen
Mißstand, der bei der bisherigen Art der
Ausführung der Holzbekleidung in den
meisten Fällen sich einschlich, können wir
nicht unerwähnt lassen: fast nie paßt sie
sich dem Steine oder dem Fußboden genau
an. Oben am Gesims sieht man oft klaf-
fende Zwischenräume zwischen der Altar-
platte und dem Holzgesims, die sich noch
über das deckende Altartnch fortsetzen, oder
das Gesims ist höher als der Stein, oder der
Sockel deckt das Pflaster nicht in überall
gleicher Flucht. Der vom Altartnch nicht
bedeckte Theil des Gesimses trägt in der
Regel auch noch ein unangestrichenes, un-
verziertes Stück Tannenholz zur Schau
oder es steht so weit vom Steine ab, daß
der Priester in Gefahr kommt, die hl.
Hostie auf das Holz zu legen, weil der
konsekrirte Stein nicht in der richtigen
Entfernung liegt und dergleichen mehr. Es
ist nicht so leicht, mit Beibehaltung der all-
gemeinen Praxis mit hölzernen Antipen-
dien allen diesen Mißständen zu begegnen.
Daher schlagen wir unmaßgeblich vor, die
Holz-Antipendien nicht mehr ans das Pfla-
ster des Chors, sondern auf einen Sockel
von Stein zu stellen, der wo möglich so
hoch ist, als die Stufen, ebenso aber auch
mit ihnen die iVlen8n nicht mehr zu be-
kleiden, sondern nur den Stipes. Zu die-
sem Zwecke muß dieser so weit eingezogen
werden, daß noch ein schwach ausladender
Sockel und ein gleich starkes Gesims Raum
haben, ein.Verfahren, in verstärktem Maße
ähnlich dem, welches in Fig. 10 der Bei-
lage dargestellt ist. Sollten Reliefbilder
mit starker Ausladung nach rückwärts
die Vorder- und Nebenseiten der Altar-
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