Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 30
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der Bildhauer bei der oft physische An-
strengung und aufmerksame Behandlung
des Details erfordernden Ausführung mit
Sicherheit Vorgehen kann. Bei der An-
fertigung des Modells baut der Künstler
zunächst den Körper der Skizze gemäß
seines anatomischen Gerüstes und seiner
linienschönen Befleischung auf, wobei er
sich, wenn er seiner Sache nicht ganz
sicher sein sollte, eines lebenden Modells
bedienen kann. Ist der Körper fertig,
so geht es an die Gewandung. Diese wird
für gewöhnlich um den Gliedermann, ein
Gestell, das dem menschlichen Körper nach-
gebildet ist, zur Erzielung eines natur-
wahren Faltenwurfs aus Zeugstücken zn-
rechtgelegt und dann nach dieser um den
ans Thon gebildeten Körper nachgebildet.
Schließlich wird das ganze Modell nach
allen Seiten in allen Fächern und Linien
ausgeglichen. Für den Metallguß muß
das Modell als fertig zu stellendes Kunst-
werk behandelt, d. h. bis ins Einzelne
genau modellirt und vollständig ansgeführt
werden. Es wird zunächst in Gyps ge-
gossen und sorgfältig reparirt. Dieses
Gypsmodell wird bei einfacheren, weniger
bewegten Figuren im Ganzen in einer
Sandform, bei andern zum Theil auch
stückweis in mehreren Sandformen nach-
gebildet. In diese nngetheilte oder aus den
einzelnen Theilen zusammengesetzte und
durch mechanische Vorrichtung zusammenge-
haltene Sandform wird das fließende Me-
tall eingeführt. ' Der fertige Guß wird,
wenn nöthig, zusammengesetzt, genietet und
montirt. Schließlich ciselirt der Künstler
den noch rohen Guß mit Feile und Bun-
zen itub sucht ihn vollständig in die ur-
sprüngliche Form des Modells zu versetzen.

Nicht so sorgfältig braucht das Modell
zu Stein- und Holzsknlptnren ansgefeilt
und dnrchgeführt zu werden. Kommt es
zur Ausführung desselben in Stein oder
Holz', so werden zunächst an den her-
vorragenden Theilen desselben Punkte ge-
sucht. Diese sind Stirn, Nase, Ohren,
Halsgrube, Brust, Schultern, Bauch, Knie
und Füße. Die Punkte werden vom Mo-
dell in entsprechend verändertem Maße
mittelst Zirkel und Maßstab auf den Stein-
oder Holzblock übertragen, um die Körper-
form annähernd ans dem Rohmaterial
herauszubekommen. Dieses wird dadurch

erzielt, daß die nicht zur Körperform ge-
hörige Masse des Steines oder des Holzes
um und zwischen jenen Punkten, welche
die äußersten Grenzen der Dimensionen
bezeichnen, weggehauen wird.

Jetzt beginnt die eigentlich künstlerische
Technik, die mit Meißel, Schnitzmesser unb
der glättenden Raspel das präparirte Ma-
terial zum vollendeten Bilde gestaltet. Je
nachdem nun die fertige Skulptur bemalt
oder nicht bemalt werden soll, muß die
Behandlung etwas von einander abweichen.
Seinerseits kann der Bildhauer fordern,
daß die malerische Fassung sein Werk nicht
nur nicht herabdrückt, sondern im Gegen-
theil noch mehr hebt. Dagegen muß er
gleichfalls bedacht sein, seine Arbeit so ein-
znrichten, daß sie erst nach der Bemalung
als ganzes Kunstwerk, die Bemalung also
nicht als eine verschlimmernde Zuthat,
sondern als eine verschönernde und noth-
wendige Ergänzung erscheint. So muß
er, um nur Eins zu nennen, sein Bild
so tief und markig ausschnitzen, daß es
erst nach Auftragung des zur Unterlage
der Farbe nöthigen Kreidegrundes und der
Farbe selbst fertig und ganz erscheint.
Stellt er es in den volle:: Naturformen
dar, so erscheint die malerische Fassung
als ein die rechten Formen verunstaltender
Ueberzng. Eine solche Bemalung ist frei-
lich das Grab plastischer Schönheit; das
gräbt sich aber der Bildhauer selbst; wenn
er ohne Rücksicht auf die vollendende Farbe
vorgeht.

Endlich ist auch der Standort, den die
Statue oder Gruppe einnehmen soll, wohl
in Betracht zu ziehen, da die architekto-
nische Umgebung, als nähere oder fernere
Umrahmung auf die Wirkung des plasti-
schen Bildwerkes nicht ohne Einfluß ist.
Je nachdem das Bildwerk im freien Lichte,
ohne beengende Architektureinfassung oder
in einschließender Nische, Hohlkehle, unter
einem Baldachine, oder je nachdem es auf
höherem oder tieferem Postamente aufge-
stellt ist, hat der Bildhauer bei der An-
lage desselben die Zeichnung, Haltung und
Bewegung zu modisiziren. Das plastische
Bild, das zum Schmucke des architektoni-
schen Raumes bestimmt ist, tritt auch, un-
beschadet seiner Selbständigkeit als eigenes
Kunstwerk, in ein bestimmtes Abhängig-
keitsverhältniß zur Architektur, das seiner
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