Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 31
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Bewegung und Entfaltung eine gewisse
Beschränkung auferlegt. Hiebei spielen
besonders der Styl, die Raum- und Linien-
verhältnisse der Architektur eine Rolle.
Was namentlich hochstehende Statuen be-
trifft, so muß vor allem ein starkes Auf-
wärtsblicken , ettt zu starkes Emporrichten
des Hauptes vermieden werden, da sollst
der untere Theil des Gesichtes, das Kinn,
die anderen Theile vollständig überschneidet
und verdeckt.

Was eildlich die Massafignren betrifft,
so lassen sie eine künstlerisch-technische Be-
handlung nicht zli. Schon ihr Stoff und
die Art der Produktion widerstrebt dersel-
ben. Diese Massa, ein Gemisch von Heyel,
Kreide, Kolofonium x. durch Leim ver-
bunden , preßt man mit mechanischer Ge-
walt in die einzelnen Formstücke. Wäh-
rend nun beim Metallguß der flüssige
Stofs sich jeder Form genau anbeqnemt,
läßt sich die „Massa" nur in konische, die
deutliche und vollkommene Ausprägung
nicht zulassende Formen hineinzwängen.
Diese Massafignren lassen also wegen ihrer
mangelhaften Herausbildung aus der Form
eine freie Behandlung der Gewandung,
theilweise auch der Körperform, gar nicht
zu. Dieser Mangel künstlerischer Durch-
bildung klebt ihnen allen all imb drückt
ihnen den Stempel ihrer aus mechanisch
künstlichem, handwerksmäßigem Wege er-
folgten Geburt aus. Da ferner bei diesen
Massa-Figuren das Gesetz der Billigkeit
maßgebend ist, so werden sie zugleich als
Massenfiguren produzirt und verkauft.
Sie werden meist nach den schon fertigen,
nach verschiedenen Großen aus Lager lie-
genden Modellen und Formen angefertigt,
eilie Methode, welche jede fortschreitende
Kunstentwicklung von vornherein unmöglich
macht. Daß bei einer solchen Produk-
tionsweise von der eben geforderten Rück-
sichtnahme auf die architektonische Umrah-
mung der Figuren llicht die Rede sein
kann, ist selbstverständlich. Endlich bildeil
sie in Stoff, Art der Darstellung, in
ihrer nicht individuellen, sondern hnndert-
sachen Existenz des einen, überall gleichen
Bildes den schneidendsten Gegensatz zur
Kirche, die ein für sich bestehendes, wenn
auch oft einfaches Monument ist, besser
in der armen Einfachheit, als in falscher
Eleganz. Möge man wieder zurückkehren

zu der vom guteu Geiste geleiteteil Arbeit
der Menschenhand und Massen, fortan
die „Besitzer" von Figuren-Fabriken zu
bereichern.

Neu aufgedeckte Wandgemälde im
Dekanat Lllwaugen.

Im Sommer 1882 wurde die Kapelle
ill Brouueu, Filial der Pfarrei Reuler,
Dekanats Ellwangen, restaurirt. Bei die-
ser Gelegenheit sind alte Wandgemälde
eiltdeckt worden, über welche wir hier Mit-
theilnng machen wollen.

Die Kapelle hat einen geradlinig ge-
schlossenen Chor mit quadratischer Anlage,
das kleine Ostfenster ist romanischen Stylö;
Süd- ilnd Nordfenster des Chores sind
später erweitert worden, unzweifelhaft in
der Absicht, um Licht zu gewinnen; ein
Tonnengewölbe deckt den Raum ein. Auö-
geprägte romanische Formen siild sonst we-
der außen noch innen zu entdecken. Das
verhältnißmäßig hohe Fenster ist styllos uild
später angebant; von ihm haben wir nichts
zu berichten, denn die Wandmalerei be-
schränkt sich aus den Chor, näherhin ans
die Schildwand, welche ben Chorschluß
bildet, und auf das Tonnengewölbe. Gehen
wir von dem östlichen Chorfenster aus.
Unmittelbar über demselben ist das Antlitz
Christi auf dem von zwei schwebenden
Engeln gehaltenen Schweißtuch; zu beideil
Seiteil Maria imb Johannes der Täufer
dargestellt, wie sie gewöhnlich als Für-
sprecher bei dem jüngsten Gerichte darge-
stellt zu werden pflegen. Es kann auch
kein Zweifel über den Gegenstand dieser
Darstellung jein: denn zu beiden Seiteil
des Fensters siild iloch theilweise die Ge-
stalten der Auferstehenden sichtbar. Doch
hat dieser Theil der Darstellung sehr ge-
litten und ist wohl schon in einer frühe-
ren Reparatur wesentlich angegriffen wor-
den. Für das Bild des göttlichen Richters
war freilich zwischen ben Fenstern und dem
Schluß der Schildmauer kein eutsprecheu-
der Raum mehr; wohl deßwegen ist das
Schweißtnch-Antlitz des leidenden Heilan-
des dargestellt; Kreuz, Wundmale und
Leiden desselben werden ja als Quelle
seiner gottmenschlichen Richtergewalt beim
jüngsten Gerichte mit ihin erscheinen. Die
Gestalt des Richters ist dafür in das Ge-
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