Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 34
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sich diese Grundsätze in noch weit mehreren
Fällen thatsächlich nicht anwenden lassen,
ohne andere, schwerwiegende Interessen tief
zu verletzen und die Durchführbarkeit so-
gar solcher Restaurationen in Frage zu
stellen, bei denen nicht bloß die künstlerische
Seite, sondern vor Allem die des Gottes-
dienstes würdige Instandsetzung der Kirche
in Frage kommt. Selbst bei größeren und
reicheren Kirchen kann die konsequente An-
wendung dieser Grundsätze ganz oder nahe-
zu eine Sache der Unmöglichkeit werden.
Die Stiftskirche in Aschafsenburg z. B. ist
spätromanisch; innen hat sie diesen Cha-
rakter fast ganz bewahrt, im Aeußern hat
sie namhafte gothische Ornamente und Zu-
thaten, auch der südliche Flügel des Quer-
schiffs ist in der gothischen Zeit restaurirt
worden, der nördliche Flügel ist thatsächlich
zu nichts mehr da, als für das riesige
Denkmal des Mainzer Churfürsten v. Er-
thal; die Mittelschiff-Arkaden sind in der
Zeit, wo das Element hoher Genealogie
unter den Kanonikern obenan gewesen zu
sein scheint, zu einer Ausstellung vieler —
archäologisch gewiß sehr interessanter —
Ritter-Panzer und ihrer Träger geworden.
Altäre und sonstiger Einbau sind aus der
Spät-Renaissance. Dies ist im Großen
und Ganzen der heutige Zustand der Kirche,
wenn er nicht etwa in allerneuester Zeit
die lang angestrebte Veränderung erfahren
hat. Seit mehr als 40 Jahren dauern die
Verhandlungen und Vorarbeiten für die
Restauration; ganze Stöße von Gutachten
einheimischer und ans der Ferne berufener
Sachverständiger, von Protokollen und Be-
richten über Kommissions-Sitzungen, Ent-
würfen und Gegen - Entwürfen, Kosten-
berechnungen sind seitdem erwachsen, alles
um sehr theures Geld, aber bis zum Jahre
1877 wenigstens war noch kein Ausgleich
der Meinungen, noch kein einheitlicher Ent-
schluß und Plan zur Reife gediehen, ja
sogar über den ursprünglichen Styl der
Kirche besteht Meinungsverschiedenheit, und
es böte manches Interessante, ein uns zur
Verfügung stehendes aus Styl-Unkenntniß
basirtes Gutachten und die hierauf gegrün-
dete Entscheidung einer hohen Stelle zu
veröffentlichen.

Ungleich zahlreicher sind derartige Fälle
von Landkirchen. Ein uns bekannt gewor-
dener Fall aus den letzten Tagen möge für

alle reden. Wir führen ihn vor, um die
für Lösung des Problems entscheidenden
Fragen anzuknüpfen. Er betrifft die Pfarr-
kirche in Haisterkirch, Dekanats Waldsee,
Diözese Rottenburg. Die Station ist eine
der ältesten der Diözese; in früheren Zei-
ten eine Art von Priorat des Klosters Roth
versah sie 4—5 umliegende Pfarreien oder
Stationen. Der jetzige Bau besteht aus
zwei Haupttheilen: einem für eine Land-
kirche großen und hohen, äußern Merk-
malen nach in der zweiten Hälfte des 15.
Jahrhunderts gebauten gothischen Chor von
14 Meter lichter Länge und 9 Meter Breite,
und einem aus romanischer Zeit stammen-
den Schiff von ca. 23 Meter lichter Länge
und 11 Meter Breite. Die Umfassungs-
mauern und Westgiebel des Schiffs sind
innen und außen schmucklos, das Tympanon
des Hauptportals ist bis heute durch eine
ordinäre Vorhalle verdeckt; Sockel und
Hauptgesims fehlen. Der kolossale Thurm
mit Grundriß von ungleichseitigem Viereck
stammt ebenfalls aus romanischer Zeit, nur
das obere Stockwerk mit Satteldach ist
später aufgebaut. Die Südseite des Schiffes
zeigt ziemlich deutlich die Spuren vermauer-
ter kleiner romanischer Fenster in großer
Höhe, wie die Claristerienfenster einer drei-
schiffigen Basilika. Sind solche Fenster
auch auf der Nordseite zu entdecken, so
dürfte außer Zweifel sein, daß das jetzige
Schiss das ehemalige Mittelschiff einer drei-
schisfigen Kirche mit niedrigen Nebenschiffen
und Pultdächern ist, deren Nebenschisfe ge-
fallen und deren Mittelschiff-Arkaden zu-
gemauert wurden. Wenn nicht, so ist zu
vermuthen, daß auf der Südseite einstens
ein kleines Klösterchen für die 5 Patres
Prämonstratenser, welche hier als Expositi
lebten, sowie für die nöthigen Laienbrüder
stand, derart, daß der Kloster-Ambitus,
d. h. Kreuzgang mit niederem Pultdach an
die Südseite der Kirche stieß und demge-
mäß die Fenster in der Claristerien-Mauer
erklärlich macht. Allem nach hatte das
Schiss oder Mittelschiff ursprünglich eine
flache Holzdecke. Sicher darf man anneh-
men, daß der heute noch bestehende, in der
Thurmbreite angelegte Unterchor schon ein
primitiver Bestandtheil der alten romani-
schen Kirche war und daß sich an seine
Ostseite, etwas eingezogen, eine halbkreis-
förmige Chornische anschloß.
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