Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 36
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speziellen Fall vermöchten wir es kaum zu
billigen, einen an sich schönen gothischen
Chor oder sonstigen späteren Bautheil einer
romanischen Kirche bloß um der Styl-Ein-
heit willen abzutragen und durch einen
romanischen zu ersetzen. Die nicht absolut
nöthige Zerstörung eines noch existenzfähi-
gen, seinem Zwecke dienenden Kunstgebildes
verletzt ein Gefühl, das wir zur kunstsin-
nigen Veranlagung rechnen möchten.

2. Ist es zur Erzielung des Er-
folgs nothwendig, die Wahl der
Baustyle wenigstens auf den roma-
nischen und gothischen zu beschrän-
ken und alle nachgothischen, bereits
vorhandenen Gebilde auszuschlie-
ßen? Darum, weil viele Gestaltungen der
Antike oder der Renaissance und der ihr
verwandten Style dem christlichen Glauben,
der christlichen Sitte und Anschauung wi-
derstreben, sind noch nicht alle unkirchlich.
Ferner: so wahr es ist, daß wir der Re-
naissance nicht bedürfen, um die christliche
Kunst in allen Zweigen zur größten Blüte
zu bringen und allen kirchlichen Bedürf-
nissen gerecht zu werden, so gewiß ist es
auch, daß wir, um alles Unkirchliche und
an sich Unschöne aus den Kirchen zu ent-
fernen, nicht alle nachgothischen Kunst-Er-
zeugnisse wegschaffen müssen. Wir möchten
einen Renaissance-Neubau für kirchl. Zwecke
beim gegenwärtigen Stande der wiederbeleb-
ten Kunst romanischen und gothischen Styls
nicht verantworten, aber ebensowenig auch
die unnöthige Zerstörung schon vorhandener
Werke der nachgothischen Werke der Kunst.
Für deren Aufbau haben nicht wir, son-
dern die Vorfahren die Verantwortung; für
die unnöthigeZerstörung aber tragen wir sie.

Ohne weitere Erwägungen, auf die wir
zurückzukommen uns Vorbehalten, glauben
wir sagen zu können, daß Pfarrer und
Pfarrgemeinde Haisterkirch Recht haben, sich
bei der Restaurationssrage auf den Stand-
punkt der möglichst umfangreichen Erhal-
tung des Bestehenden zu stellen. Rur der
Hochaltar, die obere Empore und jedwede
Rudität an Reben-Altären und Kanzel, so-
wie die überflüssigen Rococo-Verzierungen
an ihnen müssen fallen. Was bleibt, soll
in seinem Style restaurirt werden, der Chor
gothisch, das Schiff und sein Einbau Re-
naissance, soweit möglich im Geiste der ed-
len, frühen Renaissance. Auf das Detail

uns einzulassen, ist hier nicht der Ort; die
Auseinandersetzung hierüber bleibt den Be-
theiligten, dem Auftraggeber und den Aus-
führenden überlassen. Nur zwei Punkte
erlauben wir uns hervorzuheben: der Hoch-
altar muß wieder nahe an die Ostwand
gestellt werden; denn der schöne Chor und
der weite Raum muß frei und seiner Be-
stimmung zurückgegeben werden. Aber man
hüte sich aus Rücksicht auf den Charakter
des Schiffs ängstlich vor einem neuen Altar,
dessen stylistischer Schwerpunkt in einer-
extravagant gothischen Architektur von lau-
ter Heiligennischen, Pfeilern, Baldachinen,
Wimpergen, Fialen, Thürmchen, Krabben,
Schlußblumen u. drgl. liegt; das geht in
dieser Kirche schon gar nicht an. Viel-
mehr eignet sich hieher und in diese Um-
gebung bloß ein ernster Bilderschrein mit
Tabernakel und etwa zwei Flügeln, wenn
die Mittel reichen. Der zweite Punkt be-
trifft die Malerei. Die 13 Deckengemälde
dürfen nicht in das Leichentuch der kalten,
weißgetünchten Stuckatur gehüllt bleiben.
Die Farben müssen zusammenfließen und
stimmen, wie Harmonie in der Musik. Also
muß die ganze Kirche in dieselbe Harmonie
der Farben eintreten und den Chorus, da-
mit aber auch die Wirkung vollenden, den
Chor, die Schiffwände, alle Altäre, Kanzel,
Orgel und Orgel-Empore, die Fenster des
Chors nicht ausgenommen. Nur Eins be-
dingen wir: ja keine bloße Anstreicherei,
auch keine Schablonen-Malerei ohne Ver-
ständniß der Architektur und ihrer einzel-
nen Glieder.

Wir legen dem Vorstehenden nur den
Werth von Ansichten bei, über die sich dis-
kutiren läßt. Wir lassen jede andere, gut-
begründete Meinung gelten. Nur sollte
sie sich aus dem Boden des Erreichbaren
und Möglichen bewegen und auch zu nied-
rigern Existenzen sich herabzulassen ver-
mögen. Die Kunst wird sicherlich nicht
befleckt, wenn sie einfache Kirchen vom
Staub und Schmutz reinigt und ihnen ein
neues Gewand schafft, wenn auch nicht alle
Stücke nach dem Schnitt nur ein und
desselben Jahrhunderts sind. Das gläubige
Volk, welches solche aus vergangenem Zu-
stand neu erstandene Kirchen besucht, ist
gewiß nicht das undankbarste. Die hier
besprochene Kirche ist Ein Beispiel für viele,
welche in gleicher Lage sind. Es muß
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