Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 42
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Beschwerden wegen unregelmäßiger Liefe-
rung durch die Poststellen wollen nur bei
d e r P o st angebracht werden. Neklamatio-
nen bei der Expedition sind völlig nutzlos
und können fernerhin auch nicht mehr
beantwortet werden.

Die Redaktion.

Gedanken über Airchenrestauration.

II.

Wir betonen wiederholt, daß ein kirch-
licher Neubau in einem andern, als im
romanischen oder gothischen Style bei dem
gegenwärtigen Stand der Kenntniß dieser
Stylarten, und weil sie unser ganzes kirch-
liches Bedürfniß decken, nicht mehr zu ver-
antworten wäre. Die Anfänge und die
Blüte derselben fallen fast ganz mit der Zeit
zusammen, in welcher die deutschen Stämme
in die christliche Gemeinschaft eintraten und
in der großen Schöpfung des römisch-deut-
schen Reichs auch politisch zur höchsten
Stellung berufen waren. Wer vollends
gezwungen ist, ans die geringen Banmittel
und auf die große Schwierigkeit, sie zu
erhöhen, Rücksicht zu nehmen, ist ja fast in
die Unmöglichkeit versetzt, einen andern als
den frühgothischen Styl zu wählen. Aber
ebenso sind wir auch überzeugt, daß sowohl
die Einschränkung ans diese beiden Styl-
arten, als auch die Forderung der Styl-
Einheit bei Restaurationen ein verfehltes
Prinzip ist, ein Standpunkt, dessen konse-
quente Durchführung von unberechenbarem
Schaden begleitet wäre. Wir stellen also
den Grundsatz auf, daß die verschiedenen,
im Lause der Zeiten einem Bauwerke aus-
geprägten Stylarten im Allgemeinen
Schonung zu beanspruchen haben, so oft
es sich um Restauration und Renovation
eines kirchlichen Bauwerkes und seines,
liturgischen Zwecken dienenden Einbaues
handelt.

Jedoch ist es durchaus nöthig, der An-
wendung dieses Grundsatzes die gehörigen
Grenzen zu ziehen, damit nicht auch die
Bildungen des Barockstyls ohne alle Ur-
sache und Noth auf gleiche Linie mit an-
dern gestellt werden. Znm Voraus geben
wir zu, daß es, wo die Mittel reichen,
nicht nur das Beste, sondern das einzig
Gute ist, den in diesem Styl gefertigten
Einbau an Altären, Kanzel und Bildwerk

u. drgl. gänzlich zu beseitigen. Es gibt
selten ein Stück, welches sich nicht durch
irgend eine Albernheit, sei es nach der
Seite des grandiosen oder kleinlichen läp-
pischen Affekts hin verletzend hervorthut.
Aber noch mehr Fälle gibt es, wo Armuth
Halt gebietet und Schonung auch auf die-
sem Felde verlangt. Nie aber darf sie
gewährt werden, wo der Glaube durch eine
unwahre Darstellung, die Würde der Hei-
ligen durch theatralische Affektation, die
christliche Sitte durch ' die Nacktheit, die
Schönheit durch unvernünftige, überflüssige,
leicht zu entfernende Schnörkeleien, Blu-
mengewinde, komisch wirkende Formen n.drgl.
verletzt wird. Natürliche und übernatür-
liche Wahrheit, Gutsein nach menschlichen
und göttlichen Gesetzen sind unzertrennliche
Momente des Begriffs des Schönen. Also
muß fallen, was das Gegentheil davon ist.
Verletzt wird die Architektur eines Gebäu-
des oder eines Altars nicht, wenn barocke
Dekorationen in Gyps oder Holz entfernt
werden, welche weder architektonische Glie-
der sind, noch eine geschmackvolle Zierde
bilden. Wahrheit, Sittlichkeit, natürlicher,
nicht affektirter Ausdruck religiöser Affekte,
natürliche, nicht phantastische Schönheit —
das Alles ist mit der Würde des Gottes-
dienstes und der christlichen Anbetung ver-
einbar, mag es auch nicht durchaus styl-
einheitlich dargestellt sein. Und das ist
gerade der Ausgangspunkt unserer An-
schauung: Wahrheit und Würde der äußeren
Mittel des Gottesdienstes. So lange diesen
Begriffen eine Geltung zukommt, werden
sie einen richtigen Gesichtspunkt abgeben,
welcher gegenüber rigorosen Anforderungen
von Styl-Einheit sieghaft bleiben wird.

Viele werden nicht wenig erstaunt sein,
solchen Anschauungen in diesem Blatte zu
begegnen. Wer nur auf Grund theoreti-
scher Studien sich eine Ansicht über unfern
Gegenstand gebildet hat, wird glauben, ein
Recht dazu zu haben. Aber wer in einem
Zeitraum von mehr als 30 Jahren an
Hunderten von restaurationsbedürftigen
Kirchen, ihren Altären und ihrem gesamm-
ten Einbau gestanden ist und sich dabei
von dem Zwange eingeschnürt fühlte, den
der Mangel an ausreichenden Mitteln aus-
übt und jedem entschlossenen Plan einer
radikalen Kur hindernd in den Weg tritt,
der begreift den Prozeß, in welchem all-
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