Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 45
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wirkt werden. Dabei müssen die Grunde
sätze der alten Zeit ebenso unsere Führer
sein, wie sie es in anderen Zweigen der
kirchlichen Kunst geworden sind. Leider
aber ist die Auswahl alter, mustergiltiger
und darum nachahmungswürdiger Holz-
decken nicht groß. Auch ist die Zahl der
durch Bild und Wort in weiteren Kreisen
bekannt gewordenen im Verhältniß zur
Publikation anderer Gegenstände der kirch-
lichen Kunst verhältnismäßig noch gering.

Um so freudiger wurde der Einsender
der nachfolgenden Zeilen überrascht, als
er vor einiger Zeit aus einer Exkursion
eine solche noch ziemlich gut erhaltene
Holzdecke in einem ganz schlichten Dorf-
kirchlein zu Gesicht bekam. Ein so selte-
nes Exemplar ist wohl der öffentlichen
Aufmerksamkeit werth. Einsender hat sich
also entschlossen, sie bei seinen wiederhol-
ten Besuchen zu zeichnen und in Farben-
skizze nachzubilden; er übersendet hiemit die-
selbe der Redaktion des „Archivs" zur
Veröffentlichung, falls es dessen Mittel
schon erlauben. *) Für alle Fälle möchte
er sie wenigens vorläufig schon den Lesern
des „Archivs" vor Augen führen, soweit
es durch bloße Beschreibung möglich ist.
Das „Archiv" hat ja nebenbei auch die
Ausgabe sich gestellt, die kirchlichen Ge-
bäude innerhalb des Gebiets seines Leser-
kreises zu beschreiben; also sei das Nach-
folgende wenigstens ein Beitrag zur „Sta-
tistik".

Die Kirche nun, um die es sich han-
delt, befindet sich in Jsingen bei Rosen-
feld, k. württemb. Oberamts Sulz. Jsingen
war in der letzten Zeit ein Filial von
Rosenfeld, früher aber eine eigene Pfarrei,
da die Gemeinde Erlaheim bis zur Refor-
mation dahin eingepsarrt war, bis Jsingen
der Reformation anheimfiel. Der Thurm
dieser Kirche zeigt noch Spuren romani-
schen Ursprungs, während das Kirchlein
aus gothischer Zeit stammt. Der Chor
besitzt ein gothisches Gewölbe. Auch die
steinerne Kanzel stammt noch aus katho-
lischen Zeiten, deßgleichen einzelne einfache

*) Polychromirte Beilagen zu geben, sind wir
noch zn schwach. Denn dazu gehören wenigstens
1300 Abonnenten, während wir erst in dem 9.
Hundert sind, zu wenig zum kräftigen Leben,
leider aber auch zu viel zum Sterben.

Anm. der Red.

Chorstühle und die drei Glocken. Die
älteste stammt wohl ans dem 13. Jahr-
hundert*) und enthält in schönen gothischen
Majuskeln die Namen der Evangelisten
mit den weiteren Worten: 0 Rex Glorie
Christe (wie deren in der Umgegend noch
mehrere vorhanden sind; so in Dormet-
tingen, OA. Rottweil, in Wachendors,
OA. Horb, in Hart und Bietenhausen,
OA. Haigerloch); ans den beiden anderen
Glocken finden sich in gothischer Minuskel-
schrist mit einigen Schreibfehlern die Worte:
eli lema sabathoni, deus meus, ut quit
dereliquisti me ?

Doch, uns beschäftigt hauptsächlich die
Holzdecke im Schiff. Dieselbe ist 14 m
lang, 9 m breit, 2 Querstreifen oder
Friese theilen sie in 3 gleiche Abtheilun-
gen; diese sind wieder durch 5 von vorn
nach hinten ganz durchlaufende Längen-
sriese, einen in der Mitte, je 2 zu beiden
Seiten, in je 6 Abtheilungen getheilt, so daß
3 X 6 = 18 von den Friesen eingerahmte
Hauptfelder entstehen, deren jedes wieder
durch 2 von Ost nach West laufende Lei-
sten in 3 kleinere langgestreckte Felder ge-
theilt ist. Eigenthümlich ist, daß weder
an dem Süd- und Nordende, noch an der
Westseite sich ein Fries zur kräftigen Ein-
rahmung der Decke befindet. Oestlich am
Ehorbogen ist zwar ein solcher Fries vor-
handen, derselbe ist aber jetzt unbemalt,
da die Decke an dieser Stelle später aus-
gebessert und nicht mehr bemalt wurde.

Am Westende befindet sich, etwa einen
Meter von der Mauer entfernt, ein Quer-
sries, der mit zwei Seitensriesen eine schöne
Einfassung der ans die Kirchenbühne füh-
renden Thüre bildet. Die alte Thüre selbst
ist aber nicht mehr vorhanden.

Die Längensriese haben eine Breite von
28 cm, die Querstreifen sind etwas schmä-
ler. Die Leisten sind 3,5 em dick, an
der obern an die Bretter anstoßenden
Fläche 8,5 em, unten 3,5 cm breit, ver-
jüngen sich also stark und haben an jeder

*) Das wäre sehr interessant. Wir bitten den
Herrn Einsender, eine eingehende Beschreibung
der Glocke gütigst selbst zu besorgen oder besor-
gen zn lassen, Neben genauerer Erforschung des
Alters derselben kommen dabei in Betracht:
Größe (Höhe bis zur Krone und Durchmesser),
Dicke des Schlags und der Haube, Form der
Glockenrippe, Hauptton, Nebentöne in der Mitte
und am Halse, Inschriften. Anm. d. Red.
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