Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 60
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nachdem einmal die Kirche theilweise gemalt
ist, muß auch die Architektur nach den für-
ste geltenden Prinzipien malerisch dekorirt
werden, damit die Gemälde und Architektur
tu der gleichen Farbenstimmung sind. Das
ist ein Postulat der monumentalen Malerei.
Das Vorbild für den dekorativen Theil in
Bezug auf Styl und Farbe, ganz beson-
ders auch bezüglich der malerischen Behand-
lung und Verwendung der Bauglieder und
Flächen, war Raphael in den Stanzen, zum
Theil den Loggien des Vatikans. Die Gegner
dieses Zweiges der Kunst heißen das „bunt".
Der antike Geschmack, dem Raphael gefolgt
ist, und Raphael selbst waren anderer Mei-
nung. Da man nicht warten wollte, bis
dieser Streit geschlichtet ist, so hat man sich
in unserem Falle der Sicherheit halber auf
die Seite geschlagen, welche die Erfahrung
der Alten, den eigenen guten Geschmack und
das bisher ungetheilte, oft nur zu unmäßige
Lob der Nachwelt für sich hat. Das Weitere
kann man getrost der Nachwelt überlassen.
Sie wird sich schwerlich wieder in die ver-
schwommenen halben Farbentöne verirren,
welche eine kurze Kunstepoche kennzeichnen.
Was die Altäre und Kanzel betrifft, so ist
die Nothwendigkeit, durch ihre Wegschaffung
die Kirche von diesem Ballast frei zu machen,
sogar in der Zeit, welche eine Ueberladung
schön fand, tief gefühlt worden. Um so
mehr müssen sie jetzt fallen. Nun tritt
aber die Erwägung hinzu, daß das Ost-
fenster, von der Mauer frei, nicht abermals
durch einen Altar-Hochbau bedeckt und die
Perspektive der Kirche verkürzt werden darf.
Die der gothischen Konstruktion sich an-
schließende deutsche Spät-Renaissance wäre
also da übel angebracht. Also soll man
zur italienischen Früh-Renaissance, zunächst
für den Hochaltar, und weil für ihn, auch
für die Nebenaltäre und die Kanzel, Zu-
flucht nehmen. Des gleichen Styls sind
dann auch am füglichsten die acht Chor-
fenster, welche Glasmalerei erhalten, weil
sie den Chor überflüssig erhellen und zum
Ganzen stimmen müssen. Die Butzenschei-
ben-Fenster des Schiffs sollen zum wenig-
sten Bordüren in gleichem Styl erhalten.
Kein Gegenstand eignet sich zur Darstel-
lung in den Chorsenstern besser, als die
Rosenkranz geh eimnisse in eliptischer Um-
rahmung, weil die Kirche die Bruderschafts-
kirche der Rosenkranzbruderschaft ist.

In Uebereinstimmung mit diesen Erwä-
gungen und in dem Bewußtsein, daß wir
weder verpflichtet sind, das, was in den
vergangenen Jahrhunderten gesündigt wor-
den ist, selbst zu verantworten und aus
eigene Rechnung zu nehmen, indem man
es restaurirt, noch auch rücksichtslos aus
dem Wege zu räumen, ist die Restau-
ration einschließlich der znsammenstimmen-
den Renovation der übrigen Theile des
Innern, der Orgel, Beichtstühle, Stühle
u. s. f. vor fünf Jahren in einem Zuge
durchgesührt worden. Bei Allen, welche
den alten Zustand kannten, war der Er-
folg geradezu durchschlagend; besonders
überraschte die jetzt erst zur Geltung kom-
mende kräftige Wirkung der alten Gemälde.
Nur einigen wenigen, ausschließlich frem-
den Besuchern erscheint sie zu „bunt", eine
Nachwirkung eines andern Standpunkts.
Wenn wir uns an den Lärm erinnern,
der sich vor etwa 23 Jahren über den von
uns in den „Beiträgen zur Wiederbelebung
der monumentalen Malerei" eingenommenen
Standpunkt erhob, und wie er mit jedem
Jahr mehr einer ruhigen Stimmung Platz
gemacht hat; ja wenn wir zugleich sehen,
wie auch die modernen Kunstschulen in
gleicher Richtung mit einander wetteifern,
so dürfen wir wohl die Hoffnung hegen,
daß eine Vereinigung der jetzt noch aus-
einandergehenden Ansichten in unserner
Zukunft möglich sei. Es wäre auch gar
zu grausam, wollte man die kahlen, trost-
losen vier Wände einer vom Nihilismus
des sogenannten Finanzkammer-Styls er-
bauten Kirche des 19. Jahrhunderts auch
noch des letzten Mittels berauben, das sie
etwas erwärmen könnte. Und nicht Wiel
anders verhält es sich mit den getünchten
Kirchen der letzten Jahrhunderte.

In dieser Richtung erwarten wir große
Leistungen und Erfolge von der monumen-
talen Malerei, ja wir erblicken in ihr in
Verbindung mit den da und dort vernünf-
tig angebrachten Werken der Plastik geradezu
die Retterin aus dem Zustande der Nakt-
heit und Kahlheit jener Kirchenwände, von
denen keine Form, keine Farbe, kein Bild
zu uns spricht. Wenn man aber einmal
zu diesem Mittel greift, so muß es in der
rechten Weise geschehen. Schon einmal
hat eine gewisse neue Kunstschule, zur Zeit
sogar, wo sie schon einen großen, weitver-
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