Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 61
DOI Heft: 10.11588/diglit.15859.43
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15859.45
DOI Seite: 10.11588/diglit.15859#0069
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1883/0069
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
61

breiteten Ruhm genoß, den Versuch ge-
macht, die dekorative Malerei zu verwerthen.
Sie that es aus sich heraus, nach ihren
Anschauungen, in ihrer Geschmacksrichtung,
mit ihrer Technik, nach den Regeln ihrer
Farbenlehre. Wir kennen Kirchen, welche
die Produkte dieser Schule schon wieder
zugestrichen haben. Andere Kirchen wur-
den mit historischen Bildern geziert, znm
Theil mit vielbewunderten. Aber es ge-
schah nach dem Grundsätze, die Kirche sei
eine Galerie, erbaut, um schönen Raum
und rechtes Licht für die „erste der Künste",
die „souveräne" Malerei, zu schaffen. Die
Architektur gieng leer aus, für sie gab es
kein Verständnis, für ihre Glieder keine
Farbe und Zier. Man scheute sich, sie
dadurch zu heben, aus Furcht, die Wir-
kung der Gemälde zu schmälern. Die
Historien-Malerei wollte allein herrschen.
Auch diese Kirchen und ihre Kunstmaler
sind keine Muster mehr, beide sind ein
überwundener Standpunkt. Das ist die
Strafe dafür, daß man den Faden der
geschichtlichen Tradition abschnitt und sich
auf eigene Füße stellte. Dieser Weg also
führt zum Unheil. Schlagen wir den
entgegengesetzten ein: Man muß

sich, will man dem Nebel mit der
von der Erfahrung kommenden Zu-
versicht abhelfen, an eine bestimmte
und erprobte alte Schule anschließen.
In allen herrscht bezüglich der ihrer Praxis
zu Grund liegenden Gesetze, wenigstens der
wesentlichsten, bei aller Verschiedenheit in
untergeordneten Dingen eine auffallende
Uebereinstimmung, ein Beweis, daß sie
allgemein giltigen Regeln der Vernunft
und des Schönheitsgefühls entsprechen.
Schon deßwegen bewahrt das Anschließen
an eine alte Schule vor Abwegen. Heute
können wir auf das Nähere nicht eingehen,
wollen vielmehr nur mit einigen allge-
meinen Bemerkungen unsere Betrachtungen
schließen. Wenn es sich um styleinheit-
liche romanische und gothische Kirchen han-
delt, so wird sicher von keiner Seite mehr
ein ernstliches Bedenken erhoben, daß die
mustergiltigen Vorbilder aus diesen Perio-
den für die selbständige Nachahmung maß-
gebend sein müssen, sowohl in Bezug auf
die Stylform, als die Wahl der Farben-
töne und die Farbenharmonie. Der Grund-
satz, daß die Architektur das die dekorative

wie die Historien-Malerei beherrschende
Element sei, wird hier, wenigstens theo-
retisch, kaum mehr bestritten, wenn es auch
praktisch noch lange nicht allgemein geübt,
weil nicht recht verstanden wird; und wenn
auch in Bezug auf die Farbentöne, Far-
benharmonie, Umfang und Ausdehnung der
dekorativen Malerei noch manche Vor-
urtheile herrschen, so ist man doch int
Großen und Ganzen darüber einig, daß
auch hierin die alten Muster die erste Be-
achtung verdienen. Anders aber liegt noch
die Sache bei den Bauten der Renaissance
und des Rococo. Was für Muster sind
hier ausschlaggebend? Die italienische Re-
naissance, die deutsche Spät-Renaissance,
die Zeit des Rococo — alle haben uns
gemalte Kirchen oder die Dekoration an-
derer Monnmente hinterlassen. Aber zwi-
schen der durch Fiesole's Hand ganz ans-
gemalten kleinen Kapelle im Vatikan, theil-
weise der Sirtina bis herab zu den deutschen
Kirchen des Rococo mit ihren einzelnen
Fresken inmitten der weißgetünchten Wände
ohne eine weitere Spur, die konstruktiven
Glieder mit dekorativer Malerei zu heben
— liegt ein weites Feld, voll von ver-
schiedenen Versuchen, die, wie uns scheint,
je länger desto mehr vom rechten Ziele
abirrten. Gerade diese Periode ist, was
die kirchliche monumentale Malerei betrifft,
noch lange nicht hinlänglich erforscht. Eins
aber scheint uns jetzt schon gewiß zu sein:
daß nämlich die weißgetünchten, ab und
zu mit Fresken ausgestatteten Kirchen gar
nicht, und daß die manchmal fremdartig
durchwobenen, an die Gothik erinnernden
Formen der deutschen Spät-Renaissance
nur mit großer Vorsicht als Muster die-
nen dürfen. Das Gleiche läßt sich be-
treffs der Farbentöne sagen. Der aller-
sicherste Weg ist also — wenigstens
bis auf Weiteres — der italieni-
schen Früh-Renaissance des 15. und
des Anfangs des 16. Jahrhunderts
zu folgen, in der historischen Ma-
lerei der Schule Fiesole's, in der
dekorativen der Schule Raphael's,
wie siebeispielshalber in den Stan-
zen vertreten ist. Möglich, daß der
nüchterne Deutsche dann und wann eine
Milderung der Farbenglut wünscht, man-
ches zu bunt findet; aber das ist nach
unserer Erfahrung nur eine Periode des
loading ...