Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

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dorf (noch nicht vollendet), Wasseralfingen
(der Vollendung nahe), Wildbad, sowie
die Klosterkirchen Bonlanden, Heiligen-
brom:, Reute. Mehrere davon, nämlich
Aalen, Geislingen, Göppingen, Heidenheim,
Marienkirche in Stuttgart, Tuttlingen,
Wildbad, sind die Kirchen neu errichteter
Pfarreien. Stuttgart und Tübingen sind
von Oberbaurath v. Egle; Aalen, Altheim,
Dalkingen, Wildbad von Oberbaurath v.
Morlock; Deubach, Heidenheim, Jgersheim
von Baumeister Morlock jun.; Bühlerzell
von Baurath Necker, Geislingen, Göppin-
gen nach Plänen von Oberbanrath Pros.
Schmidt in Wien; wie auch Erolzheim und
Stetten nach (leider abgeänderten) Ent-
würfen desselben Meisters erbaut. Für
Wasseralfingen lag ein ausgezeichneter,
bis in das Detail fertiger Plan gothischen
Styls von Schmidt in Wien vor, schei-
terte aber an verschiedenen Hindernissen,
um einem andern, romanischen Styls, nach
Entwürfen des Bauraths Berner Platz zu
machen. Auch Heidenheim und Jgersheim
haben den romanischen, alle übrigen den
gothischen Styl, mit Ausnahme der Bau-
ten in der Nähe von Rottweil, wo der
„Ruudbogenstyl" beliebt ist, so in Deiß-
lingen, Jrslingen, Villingendorf. Von den
übrigen sind wir hinsichtlich ihrer Er-
bauer und des Styls nicht hinlänglich
unterrichtet.

Unsere Zeit liebt es, den Wettkampf
der verschiedenen Nationen aus dem Ge-
biete der Kunst, des Kunsthandwerks und
der Industrie aus dem Schauplatz von
Ausstellungen ihrer Produkte, seien es
Landes- oder nationale Ausstellungen, aus-
zutragen und, wir wollen nicht gerade
sagen der öffentlichen Meinung, aber doch
den: Urtheil der befähigten Kenner die
Möglichkeit zu verschaffen, nicht bloß den
absoluten Werth oder Unwerth der Ge-
bilde menschlichen Fleißes festzustellen,
sondern auch die relative Höhe, den Aus-
oder Niedergang eines Kunst- oder In-
dustrie-Zweiges der Länder im Vergleich
mit andern abzuwägen. Bei den Schöpf-
ungen der Baukunst ist aber das nicht
möglich, und selbst die Ausstellung der
Entwürfe und Planzeichnungen bietet nur
einen schwachen Ersatz, wenn man nicht
gleichzeitig mit allen äußeren Bedingungen
und Mitteln bekannt gemacht wird, unten

und mit welchen die Bauten gedacht, ent-
worfen und ausgesührt worden sind.
Gleichwohl wäre es ein heilsamer Sporn,
eine solche Landes-Ausstellung von Bau-
zeichnungen kirchlicher Art nach diesen Ge-
sichtspunkten zu veranstalten, also nicht
bloß die Entwürfe selbst vor Augen zu
stellen, sondern auch noch durch Beigabe
kurzer Erläuterungen das Urtheil darüber
zu ermöglichen, welchen hemmenden oder
fördernden Einfluß die äußeren Nebenum-
stände aus das Entstehen des Baues geübt
haben, welcher Art und Form der Bau-
platz nach Form und Beschaffenheit, wel-
ches das Baumaterial, seine Entfernung
vom Bauplatz, sein Preis war, wie groß
die Mittel gewesen sind, mit welchen der
Baumeister sein Ziel erreichen mußte u.
drgl. mehr. Das Alles gehört offenbar
dazu, um sich ein gerechtes Urtheil zu bilden,
die Bauherrn und die ausübenden Mei-
ster aus Vortheile oder Vorzüge hinzuwei-
sen, die schaffenden Kräfte mit einander
zu vergleichen u. drgl. mehr. Die Ver-
gleichung derBaukostenmit denLeistungen —
angestellt unter gerechter Würdigung der ört-
lichen Verhältnisse, der größeren oder geringe-
ren Theuerung des Baumaterials und seiner
Entfernung von: Bauplatz, der von letzte-
rem verursachten Schwierigkeiten und außer-
ordentlichen Kosten — würde die Vorzüge
des einen oder andern Styls, wie den
Baumeister in das rechte Licht stellen und
das Urtheil über die wichtige Frage klären,
welcher Styl und welcher Meister den
Vorrang verdiene, auch vom Standpunkt
der Sparsamkeit aus. Das ist ja beson-
ders für ärmere Kirchensabriken oder bau-
pslichtige Pfarrgemeinden geradezu die Le-
bensfrage, an welcher schon sehr oft nicht
bloß das kunstgerechte, sondern das Bauen
überhaupt gescheitert ist. - Das Vorurtheil,
daß schön und kunstgerecht bauen gleich-
bedeutend sei mit kostspieligen: Bauen, und
umgekehrt, daß stylloses Bauen immer
auch soviel sei, als billiges Bauen, würde
bald allgemein überwunden sein. Diese
und andere Vortheile würden wir uns
von dem Unternehmen versprechen. Vielleicht
gelingt es dem Rottenburger Diözesau-
Kunstverein noch, eine solche Ausstellung
in Verbindung mit einer seiner General-
versammlungen zu veranstalten. Recht
lehrreich und zugleich tröstlich wäre es,
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