Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 76
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zeichnet, und die Venus von Melos, jenes
Weib vor dem Sündenfalle, bezeichnen die
Grenzlinien, über die hinaus die antike
Kunst dem Strome des Sittenverderbnisses
in die Tiefe, wenn auch mit langsamerem
Tempo, nachfolgte. Hohe und höchste Form-
vollendung, feines ästhetisches Schönheits-
gefühl blieben ihr jedoch eigenthümlich.

Die Kirche in Bühlerzell, Dekanats
Sllwaugen.

(Schluß.)

Entsprechend den Jochen hat jede Lang-
wand des Mittelschiffes 5 in Spitzbogen ab-
geschlossene zweitheilige Maßwerksfenster, mit
steinernen Mittelpfosten und verschiedenen
Maßwerksformen. Die Fenster haben eine
Lichtweite von 1,2 m, bei einer Höhe bis
zum Spitzbogenscheitel von 2,7 m.

Die Fenster der Seitenschiffe haben die
gleiche Form und Breite bei einer Höhe von
3,4 m bis zum Scheitel.

Auf der Westseite befindet sich im Mit-
telschiff über der Orgel das große Rad-
fenster mit Maßwerk, 3,5 m im Durchmesser.
Neben diesem sind noch 2 schmälere emtheilige
Fenster in der Mittelwand vorhanden.

Die 5 Fenster im Chorabschluß sind eben-
falls 2theilige Maßwerksfenster mit steiner-
nen Mittelpfosten je im Lichte 1,15 m weit
und bis zum Scheitel 7,6 m hoch.

Das große Radfenster und die 5 Fenster
im Chor wurden gemalt, alle übrigen Fen-
ster sind zwischen Eisenstäben mit gewöhn-
lichem weißem, starkem, glatten: Glas in
Blei verglast und zwar die Fenster des
Mittelschiffes mit Rnndscheiben, die übrigen
Fenster mit rautenförmigen Scheiben.

Die Glasmalereien stellen dar: in den 5
Chorfenstern die Geheimnisse des freuden-
reichen Rosenkranzes, im Radfenster den hei-
ligsten Namen Jesu.

Zum Neubau wurden die in der Nähe von
Bühlerzell vorkommenden röthlichen Schilf-
sandsteine, Werksteine, verwendet. Die Um-
fangswandungen wurden innen vergypst,
bei den Schiffspfeilern und den Diensten
blieb aber die Naturfarbe der geschliffenen
Steine sichtbar.

Die Böden wurden sämmtlich mit sechs-
eckigen, farbigen Cementplättchen mit Friesen
mosaikartig hergestellt.

Wände und Decken der Kirche wurden
mit Kalkfarbe gemalt. Die Wände erhielten
einen grünlichen, die Decken zwischen den
Rippen einen gelblichen Ton, die Rippen
selbst wurden röthlich angestrichen, wie die

Steinfarbe der Dienste, die Fensterleibungen
wurden dekorirt. Im Chor wurde die Wölb-
fläche blau angestrichen und mit goldenen
Sternen geschmückt. Daselbst sind die Um-
fangswände vom Boden bis zu den Fenster-
bänken mit dunkleren Dessins bemalt und
mit Bordüren gefaßt. Konsolen und Dienst-
kapitäle sind farbig gefaßt und theilweise
vergoldet, die Gewölbezwickel mit Blumen
geziert, die Schlußsteine und anstoßenden
Rippen mit leuchtenden Farben geschmückt,
und zwar wurde alles im Chor reicher und
mit reichlicherer Verwendung von Gold als
in den Schiffen behandelt. Die Leibungsfläche
des Triumphbogens wurde durch Dekoration
besonders ausgezeichnet mit Darstellungen
aus der Lauretanischen Litanei abwechselnd
mit dem Namen Maria. Die ganze Ans-
rüstung von Kirchenschiff, Chor und Sakristei
wurde neu beschafft. Neben einer neuen
Orgel mit entsprechendem geschnitztem Ge-
häuse kamen in die Schiffe der Kirche neue
Kirchenstühle, eine neue Kanzel mit Schall-
deckel und gewundener Treppe am nächsten
südlichen Schiffspseiler beim Chor, 1 Tauf-
stein , 2 Seitenaltäre und 2 Beichtstühle,
welche an den Langwänden der Seitenschiffe
ausgestellt worden sind. Der Chor wurde
ansgestattet mit dem neuen Hochaltar, der
Kommunikantenbank und 2 Chorstühlen für
je 3 Personen.

Der Kirchthurm wurde renovirt und mit
4 steinernen Dachgiebeln versehen. Für die
Sakristei wurde eine Thüre auf der Südseite
durch den Thurm gebrochen.

Die Futtermauern, welche den Kirchen-
platz umgeben, mußten theilweise erneuert
werden. Ans denselben wurde ein Schutz-
geländer von Schmiedeisen n:it gußeisernen
Säulen aufgesetzt. Die Staffeln zum Kir-
chenplatz wurden ebenfalls erneuert.

Nach Errichtung einer Nothkirche wurde
im August 1877 ulit dem Abbruch der alten
.Kirche begonnen. Am 30. Oktober 1879
wurde die neue nach einfacher Benediktioi: dem
Gebrauch übergeben und an: 2. Juli 1881
konsekrirt.

Die Baukosten belaufen sich Alles in Allem
auf 100 000 M. Auf Kirche und Chor mit
Paramentenkammer kommen ca. 80 000 M.,
auf die innere Ausrüstung 15 000 M., auf
deir Thurm, Erneuerung der Kirchenplatz-
mauern, Staffeln, Einfriedigung 5000 M.
Die Glasmalerarbeit für das große Rad-
fensier ltnb die fünf Chorfenster ist hierunter
nicht begriffen, deren Kosten wurden durch
Stiftungen bestritten.

Lsiezu eine artistische Beilage.

Stuttgart, Buchdruckcrei der Akt.-Gcs. „Deutsches Volksblatt".
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