Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 78
DOI Heft: 10.11588/diglit.15859.54
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15859.55
DOI Seite: 10.11588/diglit.15859#0086
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1883/0086
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
als Centrum, die übrige Konstruktion als
Vollendung des thurmartigen Aufbaues.

Unsere zweite These lautet: Ueber die
Größe des Tabernakels bestehen gleichfalls
keine besonderen Vorschriften; insbesondere
sind uns keinerlei Anzeichen dafür bekannt,
daß die kirchliche Gesetzgebung die dem hl.
Sakramente entsprechende Würdigung des-
selben in der Größe und dem Umfange
des Tabernakels suche. In den ersten
Jahrhunderten, ja bis in die romanische
Zeit herab hat ihr die Gestalt einer Taube
hiefür genügt. Was sie unseres Wissens
heute verlangt, ist, daß der Tabernakel
aus dem Altar, fest (fixum) und unbe-
weglich angebracht, der Regel nach von
Holz, im Vermögenssalle von Edelmetall
oder von Metall und vergoldet, daß er
innen mit weißer Seide bekleidet, außen
vergoldet und schließlich durch das Conopenm
als die Wohnung Gottes unter den Menschen
kennbar gemacht sei. Wenn die Kirche
diese Auszeichnung des Tabernakels für
genügend erachtet, dann dürfen wir es auch.
Die wechselnde Größe hängt im Uebrigen
von der Größe und Zahl der zu verwahren-
den hl. Gesäße, sowie von der Konstruktion,
Breite und Höhe des ganzen Altaransbanes
ab, mit welchem er im richtigen Verhältnis;
stehen muß, wobei jedoch stets die verlangten
Grenzen zu respektiren sind.

Wir dürfen also an der Ansicht sest-
halten, daß die in den beiden artistischen
Beilagen gegebene Anlage des Tabernakels
den kirchlichen Bestimmungen ganz entspricht,
auch der praktischen und bequemen Aus-
führung des Thronus günstig ist. Fahren
wir also in Besprechung der Details weiter.
Der in Beil. 9, Fig. I B und II B zu Grunde
gelegte Altarstein ist 1,30 m beziehungs-
weise 1,56 m tief. Er dürste also selbst
für den Hochaltar einer kleinen Pfarrkirche
nicht zu groß sein. Der Tabernakel Nr. 1
in Fig. I B und II B, Beil. 9 bietet bei
0,70 m Tiefe und 0,80 irr Breite im
Licht eine Fläche von 0,56 qm = 6,85
Quadratsuß alten württ. Maßes. Somit
kann das Ciborinm, die Custodia, das Konse-
krationsgesäß und die Provisions-Pyxis
leicht ausbewahrt werden. Die Entfernung
eines in zweiter Reihe stehenden Gesäßes
würde unter Zusammenzählung der drei
gebrochenen Linien vom Boden, aus welchem
der Priester steht, 1,89 m betragen. Ein

Mann von mittlerer Größe aber reicht
mit ausgestrecktem Arme ohne Fußschemel
ca. 2,05 m weit. Ueberdies können bei
kleinen Altären von der Tiefe des für das
hl. Opfer bestimmten Raumes der Mensa
noch 5 cm abgebrochen werden. Da auch
bei sehr großen Altären die von uns an-
genommene Tiefe des dem Altaraufsatz vor-
liegenden Theils der Mensa nicht über
65 cm tief zu sein braucht, so ist mit der
gegebenen Grundrißanlage allen Bedürf-
nissen genügt, ja selbst bei sehr bedeutender
Höhe des Aufbaues dürste die ganze Breite
des Tabernakels mit 85 cm kaum namhaft
überschritten werden müssen. Was den Aufriß
betrifft,, so begegnen uns zuerst die Thüren,
Beil, zu Nr. 9, Fig. II B Nr. 2a und
die entsprechenden Außenwände (in den
beiden Seitenansichten rechts von der Säule
Nr. 3-in I C und II C.). Nirgends ist
eine Verzierung eingezeichnet, um die Deut-
lichkeit der Umrisse nicht zu stören; sic
versteht sich ja von selbst. In beiden
Projekten I A und II A ist die Breite
der Doppelthüren, ohne welche kein Taber-
nakel angelegt werden soll, zusammen mit
58 cm angenommen. Es bleibt also rechts
und links noch ein verdeckter Raum von
10 cm im Licht, um zwei kleinere Gefäße,
wie die Kranken-Pyxis und die Custodia
aufzunehmen. Es kann jedoch von der
großen Breite beider Thüren noch namhaft
abgebrochen werden, um die verdeckten
Räume zu vergrößern.

Absichtlich haben wir als Dekoration
des Tabernakels bloß zwei Säulchen,
Fig. I A und II A 3 angelegt, und zwar
nicht vorspringend, sondern in den ausge-
sparten Winkeln der Vorderseite. Es steht
kein unüberwindliches Hindernis; im Wege,
eine zweite, vorgelegte Sänke anzubringen.
Aber dann ist große Vorsicht nöthig; denn
es könnte leicht geschehen, daß die beiden
Thürchen die Säulen nicht mehr übertragen,
also beim Oeffnen auch nicht mehr ganz
umgeschlagen werden können. Diesem Uebel-
stande müßte dann durch einige Erbreiterung
des Tabernakels, durch Verkleinerung der
Breite der Thürchen und durch größere
Kröpfung der Thürbänder vorgebengt wer-
den. Die Thürchen sollen aber ganz nm-
geschlagen werden können, damit im Noth-
salle — wenn der Diözesanbischof darauf
dringt — die expositio privata im Ei-
loading ...