Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 80
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„Auf welchen Grundsätzen es beruhen soll,
daß in neuester Zeit wieder zwar kostbare
Kästchen als Tabernakel gebaut werden, wollte
dein Sch.(reiber) noch nicht klar werden. Es
werden nämlich anstatt des eigentlichen Taber-
nakels kostbare Baldachine ans Säulen errich-
tet, und dann unten in das Fußgestell der-
selben das Aufbewahrungskästchen für das
Sanctissimum in Repositorio und Ciborio an-
gebracht, mit einem kostbaren Thiirchen; das
ist das Einzige, was auf das Heiligste hin-
weiset. In dem ober» Baldachin steht außer
der Zeit der Aussetzung ein übermäßig großes
Kruzifix; das hl. Sakrament aber bleibt ver-
steckt, tvie in dea alten Kästchen, die man viel-
fach noch antrifft. Da wird Kunst und Gold
verschwendet, um das Heiligste zu verstecken
und damit zu dcshonoriren. Das soll doch
wohl kein Fortschritt in kirchlichen Kunstbestre-
bnngen sein, wenn das tabernaculum Dei wie
der zu einem Kästchen degradirt wird!"

Außerdem hat der Verfasser der eben
angeführten Worte uns eine Begründung
seiner Ansicht über die Stellung des Thronus
mit dem Ersuchen um Aufnahme im „Archiv"
übergeben, dem wir hiemit bereitwilligst ent-
sprechen, weil uns eine allseitige Beleuch-
tung nur erwünscht sein kann.

„Da in der Einleitung zu den Artikeln über
den Tabernakel Diskussion erbeten worden, ob
nicht Manches zu prüeeptiv gefaßt lvorden, was
als solches angestritten werden könne, so ivolle
Folgendes zugelassen werden.

Wenn das, was in A, der Tabernakel, gesagt
ist, im Ganzen anerkannt werden muß (mit
einer kleinen Ausnahme),*) so ist dagegen zu be-
streiten, was L. über die Aussetzung entwickelt
tvird. Bor allem bestreite ich, daß der thronus
expositionis über den Tabernakel gehöre, lind
finde die erste Eitation ans der instructio Cle-
mentina dafür durchaus nicht beweisend. „Super
altari et in eminentiori situ tabernaculum sive
thronus. Das ist also ein für die Monstranz
passendes Fußgestell über dem eigentlichen Ta-
bernakel" - so heißt es da. Heißt denn aber
super altari üder dent Tabernakel? Es ist
sogar von einem tabernaculum die Rede, in denl
ausgesetzt werden solle; also ist tabernaculum und
thronus gleichgestellt: sonach muß die Sache offen-
bar so aufgefaßt werden, daß die Monstranz in
das tabernaculum oder den thronus ausgestellt
werde. Liest man nämlich die weitläufige Erklä-
rung der Elementina bei Mühlbauer, so erführt
mau, daß das tabernaculum seine Anwendung
finde in den Patriarchalkirchen Roms, wo auf dem
Hochaltar, auf dcni die Exposition bei denr vierzig-
stündigen Gebet geschehen soll, kein Tabernakel ist;
der thronus dagegen in den übrigen Kirchen.
In dent ganzen Verlauf der Erörterungen findet
sich nun aber kein Wort, woraus abzunehmen
wäre, daß der thronus über dem tabernaculum
dieser Kirchen zu errichteil sei: es heißt mir super

*) lieber diese Ausnahme erbitten wir uns
gleichfalls freundliche Mittheilung. Anm. d. Red.

altari in eminentiori situ seu loco. Fa ili der
gedachten Exposition der Llementina § V. 2
(Michlb. I, S. 730) heißt es ausdrücklich: quan-
tum vero ab altaris superficie tabernaculum seu
thronus emineri debeat, certo nequit determi-
nari, quum id potentissimum dependeat ab altaris
structura ... et aliis id genus circumstantiis.

HieIIach kann wohl nicht die Meinung sei», daß
der thronus über dem Tabernakel erhöht wer-
den solle, da dies sonst doch auch angeführt wer-
den müßte. Noch deutlicher geht das aus der
Beschreibung hervor, wie die Kerzen zur Expo-
sition gestellt werden sollen, (cf. Clem. latei-
nische Übersetzung, Mühlb. letzten Bd. am Ende

§ VI.) „Ad altare continuo ardeant viginti
sattem lumina, sex nempe candelae, quarutn tres
ab unoquoque latere crucis, et octo candelae in
superiori parte, cum aliis quatuor a partibus
ostensorii — so lesen wir da. Wie wäie das
möglich, wenn gemeint sein sollte, der thronus
Habe über dem Tabernakel zu stehen?

Gemäß all' diesen Erklärungen kann es durch-
aus nicht prüeeptiv sein, daß der Thronus über
dem Tabernakel zu stehen kommen solle, sondern
jene Stellen sprechen sogar deutlich dagegen. Es
sprechen aber auch dagegen eine ganze Reihe von
Gründen, von denen nur der eine folgende ange-
führt werden soll. Nach der eigenen Darstellung
des „Archivs" soll der Tabernakel so weit über
der Altarmensa zu stehen kommen, daß die Ea-
nontafel von den Thiirchen nicht berührt werde,
d. h. mindestens 25 cm, bei größeren aber 35 cm;
der Tabernakel selbst ivird, wenn er nicht ein
erbärmliches Kästchen werden soll, 60 cm Höhe
haben müssen, bei größeren Altären 80—00 cm;
dazu die Mensahöhe 94 cm — so ergeben sich
2,4 m, alles niedrigst berechnet. Dazu die Schräge
über den Altar hin bei 65 cm Breite auch siir
25 cm zu rechnen — so haben wir dann 2,89 m
bis zur Spitze des Tabernakels — so hoch müßte
also der thronus aufgestellt werden — dann ist
aber für die Console auch noch 10 cm zu rech-
nen. Um bis zu 2,49 m aufzusteigen, braucht
man doch gewiß eine Stiege mit 3 Staffeln, um
mit Lieb' beikommen zu können, namentlich für
eine kleinere Person. Zudem ist alles mit den
kleinsten Maßen berechnet, die eben für einen
größeren Altar nicht angehen, wenn nicht ein
ärgerliches Mißverhältnis; sich zeigen soll. Kann
das empfohlen werden, da die kirchlichen Bestim-
mnngen durchaus nicht darauf Hinweisen?"

Beide Meinungsäußerungen entspringen
einem und demselben Gedanken: durch die
Stellung des Thronus über dem Taber-
nakel wird dieser zu einem „Kästchen",
oder wie der Herr Verfasser sich in einem
früheren Artikel ausgedrückt hat, zu einem
„Milchkäftchen" erniedrigt, mag er im
Uebrigen groß oder kleiti, von mehr oder
weniger kostbarem Material und durch
Dekoration von seltener Technik ausge-
zeichnet sein. Uns ist ein also getadelter
Tabernakelaltar bekannt, dessen Tabernakel
(wie der ganze Altar einschließlich des
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