Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 81
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Antipendiums) von vergoldetem Metall in
getriebener Arbeit, ohne Sockel fast einen
Meter hoch und von solchem Umfang ist,
daß sieben hl. Gefäße von nicht geringem
Durchmesser ausbewahrt werden konnten —
und Aehnliches gilt von den übrigen ge-
tadelten Altären — gleichwohl ist er ein
„Kästchen", weil der Thronus in Form
eines sogen. Ciboriums über ihm steht;
wenigstens können wir uns einen andern
Grund nicht denken. Beruht nun diese
„Degradation" ans Täuschung, oder ist sie
Wirklichkeit? Unser Gegner behauptet das
Letztere. Er will sogar beweisen, 1) der
Thronus brauche nach den kirchlichen Be-
stimmungen nicht über dem Tabernakel zu
stehen, 2) tut Gegentheil, dieselben reden
von dem Tabernakel, aus welchem das
Allerheiligste ausgesetzt werden könne, wenn
er nur ein Ort in erhabener Lage sei; 3)
auch aus den Vorschriften über die Zahl
der Kerzen bei der Aussetzung gehe hervor,
es könne nicht die Meinung der Kirche
sein, daß der Thronus über bent Taber-
nakel stehen müsse; 4) es sei sogar un-
möglich, in einem so hoch liegenden Thro-
nns zu exponiren, außer mittelst eines
Schemels mit drei Stufen.

Antwort hierauf folgt im Schlußartitel
der nächsten Nummer.

Bischofsstab und Kelch.

(Mit 2 artistischen Beilagen.)

I.

Am 20. August überreichte das Dom-
kapitel und der übrige Klerus der Dom-
nnd der St. Morizkirche Rottenbnrg dem
hochwürdigsten Bischof Earl Joses von
Hesele, als Weihegeschenk zu Ehren seines
50jährigen Priester-Jubiläums einen pracht-
vollen, styl- und kunstgerechten Kelch, der
übrige Klerus der Diözese einen im glei-
chen Geiste concipirten und ausgesührten
Hirtenstab. Beide Werke verdienen in
nnserm „Archiv" eingänglich beschrieben zu
werden, und zwar hauptsächlich aus dem
Grunde, weil in beiden Werken der Gvld-
schmiedeknnst das lobenswerthe Bestreben
hervortritt, neben reichen und stylgerechten
Formen eine fast vergessene Knnsttechnit,
die Emailmalerei ttämlich, zur Ausschmück-
ung zu verwenden. Bekanntlich isl die
Kuttst des Emails von beit ältesten Zeiten,
geschichtlich nachweisbar vom Beginn des

6. Jahrhunderts an, in den Dienst der
Kirche gezogen gewesen, und es sind ins-
besondere die hervorragenden kirchlichen
Utensilien ans Gold oder Kupfer, Kelche,
Altarbekleidungen, die Custodia in Form
der Taube, Ciborien, Reliqniarien, Kruzi-
fixe n. drgl. kaum ohne den Emailschmuck
geblieben. Wenn auch diese Kunst vom
Orient auögieng, so hat doch Dentschlaitd
die Ehre, sie unter allen occidentalischcn
Völkern zuerst selbständig und unabhängig
von Byzanz betrieben und die ersten Lehr-
meister derselben nach Frankreich abgegeben
zu haben. Von Deutschland ans nahm
die nachmals so berühmt gewordene Kunst
der Schule von Limoges ihren Ansgang.
Noch im 15. Jahrhundert wurde hier die
neue Technik der eigentlichen Emailmalerei
erfunden und lange noch geübt. Selbst in
der Zeit des Rococo war das natürliche
Bedürsniß, der Durst nach Farben an
den Metallgesäßen noch lebendig genug,
um denselben wenigstens mit Porzellan-
Malerei noch einige wenn auch wenig an-
gemessene Zierde zu geben. Allein das
sind Thatsachen, welchen zwar die archäo-
logische Wissenschaft die größte Anfnterk-
samkeit schenkt, die aber über die Grenze
des theoretischen Wissens noch kaum in
das Feld der Praxis übergetreten sind.
Warum sollten wir aber nicht auch in die-
sem Zweige die alten Muster praktisch
nachahmen? Die Kenntniß der Emailknnst
und die Liebe zu ihrer Wiederbelebung im
allgemeineren Dienst der Kirche zu wecken,
steht auch unter den Aufgaben, welche sich
unser „Archiv" als Programm gestellt hat.
Neben der folgenden Beschreibung geben
wir daher in der artistischen Beilage zu
Nr. 10 das Bild des Stabes, tit der fol-
genden die Beschreibung des Kelchs und
dessen Abbildung tit Lichtdruck mit der artisti-
schen Beilage zu Nr. 11, und behalten uns
vor, ans die Technik und Geschichte der
Emailknnst mit nächstem zttrückzukommen.

Die Domkirche in Rottenbnrg ist im
gothischen Styl erbaut, also war die Frage
der Wahl des Stylö zum Voraus ent-
schieden. Das Motiv des Hirtenstabs
wurde einem in Holz erhaltenen alten Stab
einer Statue des hl. Wolfgang aus dem
15. Jahrhundert entnommen, zur größeren
Bürgschaft, das Werk ganz im Geiste der
Alten zu beginnen und zu vollenden. Der
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