Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 96
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Aussetzung des Ciborium ist schön, im Sinne
einer expositio privata fast zu großartig) die
Aussetzung der Monstranz macht keinen Eindruck;
der Priester bedarf, um den Tabernakelraum zu
erreichen, eines Schemels; darum steht eine kleine
Pyxis u. dgl. in einem verborgenen Schränkchen
hinter der Kanontafel. —

Wir dürfen aus dem Gesagten wohl mit Dr.
Andr. Schmid (S. 411) den Schluß ziehen, „daß
ein Tabernakel mit verschiedenen Fächern neben
einander (und einen solchen bildet auch ein
Thronus vor den Tabernakelthürchen), mag die
Konstruktion beschaffen sein wie sie will, den
liturgischen Vorschriften über die Exposition
des Ciboriums und der Monstranz nie vollends
genügen kann und daß zur Exposition der Mon-
stranz durchaus ein Thron iiber der gewöhn-
lichen Tabernakelnische zu bereiten ist, damit die
Monstranz an einer andern Stelle exponirt wer-
den kann, als das Ciborium oder das Altarkreuz."

Nun wird aber eingewender, daß hiedurch der
Tabernakel sich zu einem niedrigen Kästchen ge-
stalte und das Heiligste versteckt werde. — Nun,
„Kästchen" ist eines jener Schlagworte, welche
beim erstmaligen Anhören Effekt machen, das
ruhige Nachdenken verhindern und gegen die best-
begründete Sache eine Voreingenommenheit her-
beiführen. Den üblen Nebenbegriff von „Käst-
chen" bei Seite gelassen, lvird der Tabernakel
seiner Natur nach immer eine Art von Schrank
sein müssen. — Und tvas die Höhe betrifft, so
ist der Tabernakel, wie jeder Gegenstand, doch
ästhetisch auch nach seinem Zwecke zu beurthei-
len. Dieser Zweck aber, nämlich die Aufbewah-
rung des Sanktissimum und die expositio pri-
vata, verbieten geradezu, daß der Fußboden des
Tabernakels hoch liege, und erfordern auch nicht,
daß der Tabernakel sich hoch erhebe. Wenn wir
uns einen Tabernakel nur dann als schön denken
können, wenn er hoch liegt und hoch hinaufragt,
so ist das ein Vorurtheil und eine Verirrung des
Geschmackes. Daß auch kleine Tabernakel schön
sein können, beweisen die Tabernakel in der Ba-
silika zu München, die im klebrigen den liturgi-
schen Forderungen nicht ganz entsprechen. —
Nein, der eigentliche Tabernakel muß nicht uoth-
wendig hoch sein. Dagegen soll allerdings alles
aufgewendet werden, um ihn an seiner Stelle
als Tabernakel zu charakterisiren und zur Gel-
tung zu bringen; und der Gefahr, daß er ver-
schwinde, oder als untergeordnetes Glied, z. B.
als Sockel eines Aufbaues erscheine, ist sorgsam
vorzubeugen. Das läßt sich aber sehr wohl be-
werkstelligen, auch wenn der eigentliche Tabernakel-

körper weder hoch liegt, noch weit in die Höhe
ragt. Beim berühmten Sakramentshäuschen im
Ulmer Münster ist jener Theil, welcher dem Ta-
bernakelkörper entspricht, verhältnißmäßig weder
hoch, noch in bedeutender Höhe gelegen; und
doch wird niemand sagen, daß jener Theil ge-
drückt oder untergeordnet erscheine. Es ließen
sich aus diesem Vorbilde wohl Motive entnehmen
für den Tabernakel selbst und für eine Be-
krönung, in welcher Raum sich fände, um ein
Altarkreuz, event. an dessen Stelle einen stylge-
mäßen Thronus aus Gold und Seide unterzu-
bringen. Zu ähnlichen Gedanken werden wir
angeregt, wenn wir den Altar unter dem Chor-
bogen des Ulmer Münsters und seine hoch-
ragende Bekrönung in's Auge fassen. Solche

Ideen liegen den Entwürfen II. A. und III. der
Beilagen zum „Archiv" zu Grunde. Damit

jedoch die obere Partie mit der Figur Christi
nicht auf Kosten des Tabernakels und Thronus
überwiege, würden wir Vorschlägen, schon die
Thronus-Partie mit Giebeln, Wimpergen, Fia-
len u. dgl. abzuschließen; eine (nicht zu große)
Statue könnte dann entweder selbst den Abschluß
bilden, oder von einem neuen engeren Aufbau
überdacht sein, wie ein solcher im Kleinen den
letzten oberen Abschluß von II. A. und III. bil-
det. — Gegenüber dem Thronus ist die Selb-
ständigkeit des Tabernakels in allen Entwürfen
der Beilagen architektonisch nicht nur durch das
Gesims, sondern auch dadurch gewahrt, daß der
Thronus eine engere Front bietet, als der Ta-
bernakel.

Wir dürfen sonach unsere Bemerkungen wohl
mit dem Ausdruck der Hoffnung schließen, daß
sie zu der erwünschten Verständigung beitragen.

K. in O.

Was uns betrifft, so befestigt sich iit uns
die Ueberzeuguug je länger desto mehr, daß
die Einrichtung des Thronus und Taber-
nakels auf einer und derselben Höhe das
Grab der gesetzmäßigen Beschaffenheit bei-
der ist. Die Red.

Einige Regeln für Prüfung von
Altar - Entwürfen.

In den letzten Tagen ist dem Vorstand
unseres Kunst-Vereins der Entwurf zu
einem neuen Hochaltar zur Prüfung vor-
gelegt worden, welcher in liturgischer und
künstlerischer Beziehung, wie hinsichtlich des
praktischen Gebrauchs viele und große Ge-
brechen hat, und zwar gerade in solchen
Punkten, welche von einem Leser des „Ar-
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