Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

Seite: 100
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nungen und anderen handschriftlichen Quel-
len dargcstellt von St. Beißel 8. J. Mit
vielen Abbildungen. Freiburg, Herder. 1883.
Preis 3 Mark.

Es gereicht uns jedesmal zu aufrichtiger Freude,
so oft wir einem Priester auf dem Gebiete der
christlichen Kunst, vorab der Architektur, als sach-
verständigem, in das Wesen der Technik cinge-
weihtem Sprecher begegnen. Leider sind diese
Falle so selten. Wenn aber die hervorragende
Leistung, die wir hier besprechen, dem Klerus
zur Aneiferung dient, wenn sie zum Muster ge-
nommen und die in ihr befolgte Methode nach-
geahmt wird, so dürfte von unserer Seite Ver-
säumtes bald nachgeholt werden, gewiß nicht zum
Schaden der christlichen Kunst und Kunstgeschichte.
Wohlthuend spricht in erster Linie die Wärme
an, mit welcher die Geschichte des Kirchcnbanes
von den Zeiten der hl. Helena an bis herab mit
der des hl. Victor, eines Helden der thebaischen
Legion, mit seinem Martyrium und seiner Ver-
ehrung verflochten ist. Man fühlt sich in der
Kraft des eigenen katholischen Gemüths so recht
in die Zeit und die Nähe der handelnden Per-
sonen versetzt und ist sozusagen Zeuge, wie diese
Verehrung als ein belebendes Prinzip sich diesen
'Kirchenbau wie einen leibhaften Ausdruck ihres
Wesens schafft. In zweite Reihe stellen wir die
Richtigstellung so mancher falschen Urtheile in
Betreff der Bauzeiten der einzelnen Theile, welche
nur unter der mühevollsten Ausnützung der Bau-
rechnnngen vieler Jahrhunderte möglich war.
Die Kunstkritik und Kunstgeschichtschreibung hat
sich ja nur zu oft, ähnlich wie in anderen Ge-
bieten, von der vermeintlichen Sicherheit ihrer
ans inneren Gründen, einzelnen Stylformen
n. dergl. geschöpften Urtheile Hinreißen lassen und
gar oft die Geschichte, statt anfznhellen, nur ver-
dunkelt und verwirrt. Eine große Zahl von Be-
richtigungen solcher Urtheile Seitens des Ver-
fassers bringt für unseren speziellen Fall die
Wahrheit an den Tag und ist eine ernste Mah-
nung zur Vorsicht im Urtheilen. — Der Verfas-
ser läßt uns ferner mehr als einmal einen Blick
thnn in die Anschauungen und in die Wirthschaft
der Bauherrn, wie in die Gepflogenheiten der
Bauhütten, das Wissen und Können der Gesellen
und Meister, deren Geist Bild und Plan des
Baues ersann, deren Griffel ihn zeichnete, deren
Hand zugleich den Meißel führte und die überall
dabei waren bis zum Versetzen des Steines, wie
ein gemeiner Geselle. Die heutigen Zustände
braucht er nicht zu schildern; der Kontrast zwi-
schen jetzt und sonst tritt von selbst ans das Leb-
hafteste hervor. — Daß der Verfasser auf die
technische Seite wie ein Fachmann cingeht, ist be-
sonderer Anerkennung werth. Es verhält sich
mit der Kunst, wie mit einer fremden Sprache;
wer sie kennen will, muß ihre Formenlehre lernen,
aber ebenso nothwendig ihre Syntax. Wer die
alten Bauwerke würdigen will, muß die Regeln
für Bildung ihrer Stylformen und ihrer Kon-
struktion kennen. Die größere Zahl der Prie-
ster — soweit sie sich überhaupt mit Kunst be-
schäftigen — beschränkt sich auf die Kenntnis;
gothischer oder romanischer Formen; Konstruktion,

Verständnis; cher Zeichnung eines Grundrisses,
Quer- oder Längenschnittes, die davon abhängige
Fähigkeit, hieraus das Bild der fertigen Kirche
mit innerem Auge zu sehen und sich lebendig
vorzustcllen, als einen in seinen Theilen sich
gegenseitig bedingenden Organismus zu begreifen
- das alles fehlt den Meisten. Erst wenn es
da einmal anders ist, wird der Klerus das ganze
ihn berührende Gebiet der christlichen Kunst be-
herrschen. Wir können nur wünschen, das; Werke,
wie das besprochene, zum Gemeingut Aller wer-
den. — Wir müssen uns des Raumes halber
auf diese Bemerkungen beschränken und auf die
Aufzählung weiterer einzelner Vorzüge verzichten.
Nur einer derselben sei noch berührt, und zwar
mit den vollständig zutreffenden Worten des Ver-
fassers. „Vielleicht wird der Leser finden, daß
sich ihm, wie dem Schreiber, eine ganz neue
Ansicht von der mittelalterlichen Kunst unserer
Heimat eröffne. Es wird ihm klar sein, das; man
im 14. und 15. Jahrhundert bei Erbauung einer
Kirche in viel einfacherer Weise vorgieng, als viele
unserer Kunsthistoriker und alle ästhetischen Idea-
listen wollen glauben machen. Die damalige
Kunst war eine durchaus volksthümliche. Die
treuen Männer, welche die großen Kunstwerke
schufen, die wir bewundern und nachahmen, waren
einfache Leute, die ihr Handwerk verstanden, die
nicht in hastiger Eile und stolzem Selbstbewnßt-
sein für ihre Ehre und ihren Beutel arbeiteten.
In treuem Fleiße förderten sie ihr Werk zu
Ehren Gottes und der Heiligen und gaben ihm so
die höhere Weihe und den inneren Werth, den
auch die kommenden Jahrhunderte bewundern
mußten." Solche Meister begegnen uns noch
bis an den Anfang des 16. Jahrhunderts (S.
191—213). Viele kulturgeschichtliche Notizen über
kirchliche und soziale Verhältnisse, Präsenz der
Kanoniker, Bedingungen ihrer Absenz, über Geld-
werth, Lohn, Kapital, Zins und Rente, Biblio-
theken und ihre Benützung, Werth der Bücher
und Einbände, Veranstaltungen für Gesundheits-
pflege, Handel und Verkehr und dergl. erhöhen
den Reiz der Lektüre. Nach der Schlnßbemerknng
des 5. Kapitels S. 89 und nach S. 232 haben
wir noch eine weitere Arbeit des Verfassers über
Baumaterial und Baukosten, Preise und Tag-
löhne, über die Geschichte der Altäre, Statuen
und Bilder der kanten er Viktorskirche zu erwar-
ten, die noch interessanter zu werden verspricht.
Wir heißen sie schon heute willkommen. — Neun-
unddreißig in den Text gedruckte Holzschnitte
veranschaulichen die technischen Schilderungen.
Im Hinblick ans sie und die schöne Ausstattung
ist der Preis von 3 Mark billig. Schwarz.

Von Nr. 1/6 des „Archivs" (I. Semester 1883),
deren erste Auflage gänzlich vergriffen war, ist
eine

zweite Auflage..

veranstaltet worden, und es können daher voll-
ständige Exemplare dcA ganzen Jahrgangs
durch die Post, durch alle Buchhandlungen oder
gegen Einsendung von M. 1. 35. direkt von der
Exped. ds. Bl. jederzeit bezogen werden.

Stuttgart, Buchdruckcrci dcr Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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