Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

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Abscheu vor den Bildern getragen haben.
Nach Schnaase (Geschichte der bildenden
Künste, 3. B. S. 58) hat die bildende
Kirnst in den ersten christlichen „Gemeinden"
keine große Pflege gefunden; das Geheimniß
während der Verfolgung habe dergleichen
nicht gedeihen lassen, außerdem sei auch
der geistige Ernst dieser ersten „Gemeinden"
unb der Ursprung des Christenthums aus
dem jüdischen Volke diesen Künsten ungünstig
gewesen, und die Bilderlosigkeit habe dem
Götzendienst gegenüber ein unterscheidendes
Merkmal christlicher Versammlungsörter
und Häuser sein müssen, weßhalb auch die
meisten der altern Kirchenväter Gegner
dieser Künste gewesen seien. Daß die
Kirche hinsichtlich der aus Stein, Erz oder
Holz gebildeten Darstellungen anfänglich
im Hinblick auf die Götzenbilder vorsichtig
war, mag wahr sein, aber was die Malerei
betrifft, so erhebt die ganze Kirchengeschichte
sowohl hinsichtlich der angeblichen Thatsache,
als auch der Motive derselben laute und
unzweideutige Einsprache. Beweis davon
sind die Katakomben; hätte die Kirche die
Malerei nicht von ihrem ersten Anfang an
geliebt, so wären sie nicht bemalt worden;
aber sie sind es, trotz Verfolgung, Geheim-
disziplin und „Ursprung aus dem Judeu-
thum". Die aus der Heidenwelt in die
Kirche aufgenommenen Christen brachten
ihre ganze Bildung mit in das Christen-
thum, aber Wissenschaft und Kunst wurden
mit den Neophyteu getauft, sie brauchten
sie nur der christlichen Wahrheit und des
wahren Gottes Ehre dienstbar zu machen.
Haben ja die Christen, selbst nach dem
Zeugnisse des strengen Tertullian — schon
Ende des 2. Jahrhunderts unb inmitten
der härtesten Verfolgungen ihre Kelche mit
Malerei versehen, wie wir S. 90 des
„Archivs" 1883 dargethan haben. Das
bekundet keine Bilder- und Farbenscheu.
Viel von den Bildern der Katakomben zu
sagen, oder sie einzeln auszuzählen, hieße
Wasser in's Meer tragen, nachdem die
Forschungen über dieselben von Bosio an
bis auf Ritter von Rosst herab durch
populäre und wissenschaftliche Werke Ge-
meingut Aller geworden sind. Nur aus
Einiges sei im Vorübergehen aufmerksam
gemacht. Der Parallelismus des alten und
neuen Testamentes ist urchristlich; die Offen-
barung Gottes von Jesus Christus im

Vorbild geht schon in den Katakomben
neben der Darstellung der in Jesu Christo
verwirklichten Offenbarung her. Isaaks
Opfer diente als Vor- und Sinnbild des
Opfers Christi, Jonas als das der Aufer-
stehung und anderes mehr. Auch aus dem
Thierreich entnahm man sinnbildliche Dar-
stellungen, so die Taube, den Pfau, Sinn-
bild der Auferstehung, den Hahn als
Wächter, den Hirsch. Das gleiche gilt von
der Pflanzenwelt, von der Palme, dem
Weinstock. So verbindet sich die ornamentale
Malerei naturgemäß mit der figurativen
zur Dekoration dieser Gräber-Kirchen. Ein
weiteres Merkmal dieser Malerei ist ihr
lehrhafter Charakter. Der gute Hirt mit
dem gefundenen Schafe aus der Schulter,
einen Bock und ein Schaf zu seinen beiden
Seiten, als Protest des wahren Glaubens
von der Vergebung aller bereuten Sünden
gegenüber der novatianischen Ketzerei; Brod
und Fisch, der Jesum bedeutet, bei der
Brodvermehrung als Darstellung der Lehre,
daß das Himmelsbrod der Opferleib Jesu
sei; Moses, Wasser aus dem Felsen, der
Christus ist, schlagend und alle tränkend;
Noe, im Kasten sitzend, eine Taube auf ihn
zusliegend, als Darstellung der Wiedergeburt
aus dem Wasser und dem hl. Geiste; die
drei Jünglinge im Feuerofen, Ausdruck
der Hoffnung der Christen in der Ver-
folgung ; Daniel in der Löwengrube, mit
ausgestreckten Armen betend und unversehrt
inmitten der Bestien, und so viele andere
Bilder stellen einen gemalten Unterricht über
ebensoviele christliche Glaubensartikel dar.
Daher lassen sich auch viele altchristliche
Bilder nur aus Aeußerungen der Kirchen-
väter, sowie umgekehrt manche Aussprüche
der letzten: nur durch Vergleichung mit
den Bildern vollkommen deuten. Die bei
den Christen übliche Gebetsstellung, wie
sie oben an Daniel beschrieben ist, und
die darauf bezügliche Abbildung muß Gregor
von Nazianz vorgeschwebt haben, als er
sagte: Daniel habe die wilden Thiere
durch das Ausstrecken seiner Hände bezähmt,
was nichts Anderes heißen will, als durch
die Macht des Gebetes. Die Maler,
welche die drei Jünglinge im Feuerosen
darstellen, thaten dasselbe, was der hl.
Cyprian mit Worten gethan, indem er
die Dulder ermuthigte, auszuharren nach
dem Beispiele des Annanias, Azarias und
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