Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

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dessen Fuß die elf Apostel kauern und schlafen;
oben am Himmel ragt aus einem Kreis eine
segnende Hand hervor; das soll die Stär-
kung von oben bedeuten. Auf einem Fresko
der alten Paulsbasilika altgriechischen Styls
aus dein xin. Jahrhundert (Agincourt,
Tafel 96) geht ein Engel auf den Heiland
zu und reicht ihm die Hand. Ein Miniatur
des speculum humanae salvationis aus dem
xiv. Jahrhundert zeigt nur zwei Personen,
Jesus und den Engel; der Herr ist wie in
tiefe Kontemplation versunken; der Engel,
durch eine Wolke halbverhüllt, schwebt über
ihm und trägt eine Spruchrolle, die entweder
den Rathschluß oder die Trostbotschaft des
himmlischen Vaters enthält; ersterer ist jeden-
falls gemeint auf einem alten Glasgemälde
der Kathedrale zu Bourges, wo Gottvater
dem im Gebet ringenden Menfchensohn ein
aufgeschlagenes Buch entgegenhält, während
die Engel bereit stehen, ihm Hilfe zu leisten.

So bleibt der Hauptsache nach die Dar-
stellung der Szene bis zum XV. Jahrhundert.
Der Kelch, eine uns geläufige Beigabe
des Bildes, fehlt bis auf diese Zeit. Indem
die Kunst darnach rang, die Stimmung der
Oelbergstnnde charakteristischer wiederzugeben,
den Seelenkampf und die Todesangst deutlicher
zum Ansdruck zu bringen, mußte unwillkürlich
ihr Auge auf jenes Bild fallen, unter welchem
der Herr selbst fein Leiden schildert, auf den
Kelch, in welchem er in den Worten seines
Gebetes die Wogen der Bitterkeiten und Qua-
len auffängt, die damals seine Seele erfüllten.

So kam der Kelch in's Oelbergbild und hat
sich in demselben erhalten bis jetzt. Meistens
ist es der Engel, der den Kelch hält; die
Tröstung ist dann darin zu suchen, daß der
Engel als mitleidiges und mitfühlendes Wesen
den Bittern Kelch reicht. Dagegen ist es als
eine Konfusion zu bezeichnen, wenn einige
den Engel den Kelch dem Heiland zum
Trinken darreichen lassen; nach ihnen wäre
der Kelch ein Kelch der Erfrischung und
Stärkung, nach dem Heiland ist es der Kelch
der Leiden, der Kelch feiner Passion. Fiesole
hat bereits den Kelch; ein Engel hoch in
Lüften trägt ihn. Perugino verwendet ihn
besonders schön in seinem Bild in der Akademie
von Florenz, das durch magisches Halbdunkel
eindringlich wirkt. Wenn andere aus dem
Kelch das Kreuz ragen lassen, oder ihn mit
den Passionswerkzeugen umrahmen, wie Gau-
denzio Ferrari, ^iarofalo, Carlo Dolce, so
geschah das, um noch deutlicher auszusprechen,
was der Kelch zu stnnbilden habe. Ein sehr
schöner Gedanke ist es auch, wenn Mantegna
fünf Engel, die in tiefster Seelentrauer die
Leidenswerkzeuge halten, in sein Bild ausnimmt
(Sammlung Baring in London).

Man könnte nun bezüglich des Kelches
das Bedenken erheben, ob es möglich
sei und statthaft, eine Metapher zu malen
und zu meißeln? Im allgemeinen ist die
Metapher freilich eine Form der redenden,
nicht der bildenden Kunst; hier aber ist die
gemalte, oder in Holz und Stein gefaßte
Metapher nicht zu beanstanden, weil ihr
Sinn und ihre Bedeutung allgemein bekannt
ist. So ist im Großen und Ganzen nichts
zu erinnern gegen die im Bisherigen signalisirte
Anordnung des Oelbergbildes, die sich, wie
mau weiß, unzähligemal fast ohne Nuance
wiederholt in all' den „Oelbergen", die an
die Kirchen angelehnt oder in eigenen Kapellen
nntergebracht wurden. Eine Bereicherung
hat man später versucht, indem man aus der
Ferne Judas und seine Schaar heranziehen
ließ; wo dies dezent geschieht und der
Zug perspektivisch vom Hauptbild ziemlich
entfernt wird, so daß nicht unter der Neben-
episode die Hauptdarstellung leidet und deren
Würde und Ruhe beeinträchtigt wird, geht
es wohl an. Zu warnen ist auch davor,
daß die schlafenden Apostel nicht zur Haupt-
gruppe gemacht werden, und man sie nicht
allzusehr in Vordergrund rücke; die Künstler
haben sich zwar dieses Mittels gerne bedient,
um die Gestalt Jesu in die Ferne rücken und
damit der Schwierigkeit in Darstellung der-
selben etwas entgehen zu können, und selbst
Fiesole hat diese Erleichterung nicht verschmäht.
Zu billigen ist sie aber nicht, weil sie Haupt-
sache und Nebensache nicht in's rechte Ver-
hältniß stellt. Auch soll der Schlaf der
Jünger nicht als behaglicher Schlaf dargestellt
werden, denn Menzel meint mit Unrecht
(Symbolik S. 170), die Jünger merken und
ahnen nichts von allem, was vorgehe; das
kummervolle Antlitz soll zeigen, daß Trauer
ihre Lider beschwert und geschlossen hat. Das
Meisterstück eines Künstlers von Gottes
Gnaden müßte aber ein Bild des Herrn
am Oelberg sein: aus seinem Antlitz das
Wiederspiel furchtbaren Seelenkampfes, die
Stirne bethaut mit blutigem Schweiß, die
ganze Gestalt durchwogt xtnb durchbebt von
Furcht und Zittern, und doch wieder aus-
gegossen über sie die Würde und Erhaben-
heit geduldiger Hinnahme, demüthiger, opfer-
williger Ergebung, das non mea sed tua
voluntas auf den Lippen schwebend, das Auge
zum Himmel gerichtet und sich mit Trost
von oben füllend. Dieser Aufgabe zu genügen,
reicht bloßes Kuustverständniß nicht, hiezu ge-
hört tiefer, begeisternder Glaube.

Es ist zu beklagen, daß der fromme Wunsch
des Volkes nach Oelbergbildern so vielen
schlechten Darstellungen Wohnrecht an und
in unseren Kirchen verschafft hat. Auch unser
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