Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

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und weniger würdige Form zu verdrängen.
Die Herrschaft desselben war jedoch von kurzer
Dauer. Man machte geltend, der Aermel-
schnitt sei den liturgischen Funktionen sehr
hinderlich. Der Vorwurf ist nicht ganz unbe-
rechtigt,allein er kommt nicht ausschließlich auf
Rechnung des Schnittes, sondern wenigstens
gleichviel auf die Verwendung einer zu derben,
daher zu steifen, unnachgiebigen Leinwand.
Der Uebelstand wurde vermehrt, wenn das
Chorkleid durch Stärke noch mehr gesteift
wurde. Daß die Klagen berechtigt waren,
wollen wir nicht in Abrede ziehen. Ein
ganz besonders offenes Ohr für dieselben
hatten einzelne Inhaber von Paramenten-
geschafteu, besonders in der Diözese Rotten-
burg, welche aus Furcht, Arbeit und Kund-
schaft zu verlieren, sich schnell zur Abhilfe
bereit erklärten.

Und wie hals man sich? Leider durch
eine neue größere Verschuldung. Der alte
Mißstand war höchstens ein Formfehler,
der neue ist eine Gesetzes-Verletzung. Die
Paramentengeschäfte nämlich gaben auch
den nicht in kirchlichen Dignitäten stehen-
den Priestern und Klerikern aus eigener
Machtvollkommenheit das Röchet mit
engerem Schnitt und engen Aermeln, was
durch die kirchliche Vorschrift (Ritus ser-
vandus in celebrat. Missae Tit. I. Nr. 2
im Missale) ausgeschlossen ist. Der Unter-
schied zwischen Röchet und Superpelliceum
oder Cotta, bei uns gewöhnlich Chorrock
genannt, liegt aber gerade im Schnitt.
Jenes ist weniger weit und hat enge Aermel,
dieses hat weiteren Schnitt und sehr weite
Aermel (manicas admodum amplas).
Hören wir darüber Oe Oerdt (Sacrae
Oiturgiae Praxis Tom I. p. 1 tit. 19 Nr. 50.
Adnot. IV. edit III. p. 179): Differunt
in eo, quod superpelliceum amplum
sit, et manicas habeat admodum am-
plas, aut etiam ex humeris pendentes
alarum instar, a pectore nullo modo
scissum aut dissectum; (Gavant. mensura
s. suppell.), rochetum autem minus
amplum sit, et manicas angustas habeat.
Superpelliceum, quod et cotta dicitur,
est vestis communis omnibus clericis.
rochetum autem est vestis dignitatis;
et ideo in decr. s. R. C. ab Urbano VIII.
approbato, quod ponitur initio Missalis
,,prohibetur usus rochetti, exceptis
tarnen quibus de jure competit, et

praeter hoc statuitur et declaratur,
nemini Heere inservire, aut assistere in
celebratione Missarum aut divinorum
officiorum cum rochetto, neque cum cotta
habente manicas angustas adinstar ro-
chetti: et idem servandum est in con-
cionibus.“ Rochetum competit juxta
rubr. (cfr. Ritus serv. in celebr. Miss,
tit. I. Nr. 2.) Praelatis saecularibus,
neque aliis Sacerdotibus saecularibus,
sed superpelliceum tantum, nisi his in
privilegio Apostolico usus Rochetti con-
cessus sit, prout pluribus capitulis
Canonicorum praesertim cathedralium
indultus est. Vid, decr. 17. Mart. 1629
n. 652. — 14. Nov. 1654. n. 1595. —
9 Maji 1716 n. 3735. n. 4.

Will man sich also gegen ein ausdrück-
liches Gebot kein fremdes Recht anmaßen,
so bleibt nichts übrig, als zu dem Super-
pellicenm zurückznkehren, fei es zu dem mit
Flügeln oder — da wir das sicher nicht
mehr wollen — zu dem mit Aermeln. Wir
können an die Paramentengeschäfte dem-
gemäß auch die Forderung stellen, daß sie
sich ferner nicht mehr erlauben, an den
Gewändern der verschiedenen hierarchischen
Stufen willkürliche Abänderungen vorzu-
zunehmen.

Um nun aber den gerügten Mißstand
zu vermeiden, müssen wir zunächst einen
andern Aermelschnitt suchen. Denn da liegt
der Fehler. Zu diesem Behuf schlägt das
„Archiv" das Muster vor, das in der
artistischen Beilage dieser Nummer Fig. 1
gegeben ist. Da der zu vermeidende Fehler
in dem Umstande liegt, daß die obere Länge
des Aermels viel kürzer ist, als die untere,
so kehren wir die Form um. Diese Methode
liegt auch in der Natur der Sache. Denn
das (nach Gavantus) super tunicas pel-
liceas getragene Superpelliceum, das von
den Etruskern cotta genannte linnene Kleid
war ursprünglich wohl nichts anders, als
ein in Kreisform geschnittener Ueberwurs
mit einer runden Oessnnng im Mittelpunkt,
ähnlich der ältesten Casula. Wenn wir
von dieser kreisförmigen Gestalt ausgehen
und die Breite der ausgespannteu Arme
eines mittelgroßen Mannes bis zu den
Fingerspitzen als Durchmesser annehmeu,
so erhalten wir die für den Aermelschnitt
entscheidende Kreisform e h und f k, be-
ziehungsweise für höhere Größeuverhältnisse
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