Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

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gen (Bayern) und bei Zerstörungen, welche
der Regenschlag, Salpeterbildung oder
Bodenfeuchtigkeit in Gebäuden anzurichten
pflegen, sehr empfehlenswerth. Sie wird
wie Oelfarbe gestrichen und ist nicht
theurer, als diese. Der zweite Anstrich
wird vorgenommen, wenn der erste ganz
trocken ist. Der dritte wird, wenn er
halb getrocknet ist, mit trockenem Sand
beworfen, um die Fläche nach vollständigem
Austrocknen für haltbare Aufnahme des
Verputzes zu präpariren. Dann erst wird
der Verputz regelrecht aufgetragen. Mit
dem Malen darf vor dem vollkommenen
Austrocknen des Verputzes nicht begonnen
werden. Es beginnt damit, die ganze zu
bemalende Fläche mit heißem Oel zu be-
streichen, so daß der Verputz nicht mehr
einzieht. Nach einigen Tagen bestreicht
man die zu bemalende Fläche mit einer
Mischung von Kremser-Weiß und etwas
Dunkel-Ocker sehr fett. Diese Grundfarbe
muß mit einem dicken Pinsel in den Ver-
putz eiugestupft werden, um ihm die Rauheit
zu nehmen. Ist sie trocken, dann beginnt
das Malen mit den mit Leinöl, Terpen-
tinöl und Wachs abgeriebenen Farben.
Im Fall der Noth kann man Siccativ
oder in Oel und Terpentin geriebenen
weißen Zinkvitriol zusetzen, so viel, als
die Farben ertragen. Ist eine Partie
genügend ausgeführt, so wird eine Fener-
pfanne mit stark glühenden Kohlen vor
die gemalte Stelle gebracht, zum Zweck,
das in der Farbe befindliche, mit Harz
vermischte Wachs auf der Mauer zu binden
und zu befestigen, während das Terpentinöl
sich verflüchtigt. Nach dieser Prozedur kann
man, wenn nöthig, dieselbe Stelle nach-
helfend bemalen und vollenden und dann
abermals einbrennen. Von diesem Ver-
fahren hat die Wachsmalerei auch den Namen
Enkaustik. Uebrigens wird das Einbrennen
in neuerer Zeit wenigstens in geschlossenen,
der Witterung nicht ausgesetzteu Räumen
unterlassen, in der Ueberzeugung, daß sich
das firirende Wachs mit der Zeit von selbst
durch Eindringen auf der Wand befestigt.
Ein neueres Verfahren läßt auch den
Zusatz von Harz weg. Ein im Wesent-
lichen gleiches, jedoch umständlicheres Ver-
fahren beschreibt auf 8 Seiten eine kleine
Broschüre: „DieOelwachsfarben als dauer-
haftestes Material für Wandmalereien und

Kirchendekorationen" von F. Rham, Bonn
1878. 2. Ausl. Wie Semper in seinen

„kleinen Schriften" berichtet, haben Unter-
suchungen ergeben, daß die im Jahre 113
n. Ehr. errichtete Trajanssäule in Rom
mit Wachsfarbe bemalt war. Die Farben-
reste sind heute noch wahrnehmbar. Da
die Säule unter freiem — wenn auch
italienischem — Himmel steht, so beweist
diese Thatsache, wie groß das Vertrauen
gewesen sein muß, welches man von Anfang
des 2. Jahrhunderts n. Ehr. in die Halt-
barkeit dieser Maltechnik setzte.

(Fortsetzung folgt.)

Studien über Plastik.

Von F. Festing.

V. Altchristliche Periode.

1. bis 10. Jahrhundert.

(Einfluß der Antike: Byzantinischer Styl.)

Neue Kunstformen bilden sich niemals
plötzlich und es war nur natürlich, daß
auch die christliche Kunst sich an die über-
lieferte anschließen mußte. Erst nach und
nach entwickelte sich aus der formalen
Ueberlieferung der Antike neues Leben,
wie bei der Architektur so bei den bilden-
den Künsten. Etwas Anderes ist es mit
dem Inhalt. Den alten in der Antike
ausgestalteten, entnommen der ganzen Fülle
des sinnlichen Lebens, konnte die christliche
Kunst absolut nicht brauchen. Hier mußte
sich sogleich der wesentliche Unterschied
zwischen der alten und neuen Kunst zeigen,
wie in gleicher Weise der Gegensatz in
Religion und Leben der Christen und
Heiden hervortrat.

Es blieb also nichts anderes übrig, als
— so zu sagen — neuen Wein in alte
Schläuche zu gießen, ein Uebelstaud für
die junge Kunst der Christen, der erst nach
und nach überwunden werden konnte.
Dieses ist der innere Grund, welcher nebst
dem äußern des sozialen Druckes es mit
sich brachte, daß die christliche Kunst nicht
gleich bei ihrer Ausbreitung durch die
antike Welt sich vielseitiger und glänzender,
als es geschehen, entfalten konnte. Daß
sie aber gleich im Anfänge unter den denkbar
ungünstigsten Verhältnissen ein verhaltniß-
mäßig reges und aufblühendes Leben unter
den Augen und der Obhut der Kirche und
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