Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 38
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seits aber hat die neue Technik wissen-
schaftliche und empirische Proben be-
standen, deren Werth ohne Ungerechtigkeit
nicht unterschätzt werden kann. Das ist
durch Gutachten von Auktoritäten bestätigt.
Ein solches hier ausführlich und wörtlich
folgen zu lassen, halten wir uns verpflichtet.
Es ist vom 5. Jan. d. I. datirt und von
A. Bayersdorser, k. Galerie-Konservator, W.
Lindenschmit, Maler und Prof, an der k. Aka-
demie der bildenden Künste, Jos. Flüggen, k.
Professor, Rudolph Seitz, Maler und k. Kon-
servator am bayer. Nationalmuseum, Herm.
Schneider, Maler, Adam Adolf Oberländer,
Maler, Otto Seitz, k. Professor, Fritz
Hasselmann, Architekt, sämmtlich in Mün-
chen, unterzeichnet. Am 10. Jan. schlossen
sich ihnen weiter an: F. v. Lenbach, Fr.
Pecht, Karl Haider, W. Hauschild, F. v.
Reber. Es lautet:

„Die Unterzeichneten haben sich heute im
Atelier des kgl. Akademie-Professors Herrn
Wilhelm Lindenschmit zu einer Besprechung
zusammengefunden, deren Gegenstand die von
Herrn Keim erfundene Mineralmalerei sein
sollte und in welcher sie nach erneuerter Prü-
fling der vorliegenden Versuche ttnb nach gegen-
seitiger Mittheilung der von den einzelnen
der Anwesenden in praktischer Ausübung
dieser Technik gemachten Erfahrungen zu dem
Schlüsse kamen, daß das von der kgl. Akademie
der bildenden Künste in München ausgestellte,
höchst günstige Gutachten vom 2. Mai 1882
(siehe II. Bd. der „Mappe", illnstrirte Fach-
zeitschrift für dekorative Gewerbe, Scholtze,
Leipzig, Seite 159 u. 172) heilte noch seine
vollständige Giltigkeit bewahre. Die Unter-
zeichneten hegen die Ueberzeugung — und
sie werden darin von Gutachten mehrerer
Autoritäten der Chemie, sowie von deni (Er-
folge augestellter Versuche, welche die viel-
jährige Unbill der Zeit in einem kurz ver-
laufenden Prozeß zusammenznfasscn bestimmt
waren, unterstützt —, daß dieses Verfahren
an Beständigkeit und Wettcrfestigkeit der in
ihm ausgeführten Gemälde jede bisherige für
Monumentalmalerei augeweudete Technik weit
übertrisft. Sie erkennen, daß das physikalische
Prinzip, worauf seine Beständigkeit gegründet
ist, mH jenem des buon fresco übereinstimmt,
der einzigen Maltechilik, welche eine relativ
hohe Beständigkeit im Lause der Jahrhunderte
erwiesen hat. Das Keim'sche Verfahren theilt
überdies mit dem Fresko die angenehme Leucht-
kraft iliid Tiefe der Farbeii, nöthigt aber bcn
Künstler nicht, von der ihm geläufigen Art
des Malens abzugehen nnb einen ungewohnten
und sckwierigen Farbenkalkul anznwenden,

wie ihn die Freskomalerei erfordert. Ja es
bietet unter bestimmten Bedingungen noch
größere Vortheile, da es eine weitgehende, in der
Freskomalerei unmöglicheAussührung gestattet.
Gar nicht abzusehen aber sch eint ben
Unterzeichneten die Tragweite der
E r f i lid u il g für diedekorativeArchi-
t e k t n r, welche sich ander Hand e i n e s
wetterbe st ändigen V er f a h r e n s g a n z
n e u e B a h n e n eröffnet sieht. A u ch
in der Dekorations-Malerei, ja
s e l b st i n deren unter ft e n Zweigen,
beim gewöhnlich st e ir A ll st r ich w i r d
sich m i t d e r Z e i t d e r W e r t h d e r K e i m -
s ch e n Erfindung geltend machen
müssen, und die Unterzeichneten hegen den
Glauben, daß beim Neubau von Häusern,
welche über das nackte Bedürfniß sich erheben
sollen, künftig derjenige Bauherr im Laufe
der Jahre den größten Vortheil ziehen wird,
welcher das Keim'sche Verfahren adoptirt hat.
Die Unterzeichneten wünschen und befür-
worten, daß die Mineralmalerei in den Lehr-
plan der Akademie der bildenden Künste in
obligater Form ausgenommen nnb an dieser
Anstalt fachmäßig vorgetragen werde. Auch
begrüßen sie mit Freud en das v o n
Herrn Keim angeregte Projekt der
Errichtung einer technischen V e r -
su ch s statio il an der Akademie znr
Prüfung d er j ew e i l i g ü b l i ch e n F a r -
b e n und M a l m i t t e l, unter deren
s ü r d e n M a l e r m eistensnichtkontro-
l i r b a r e n O. u a l i t ä t K ü n st l e r wie
K u n st w e r k e oft s ch w e r u n d u n ver-
schuldeter Weise zu leiden haben.
Sie versprechen sich von einer solchen Ein-
richtung als gleichsam einer kontrolirenden
Behörde einen wohlthätigen Umschwung in
der Fabrikation der Farben und Malmittel
jeder Art. Nach lebhaftem Austausch ihrer
meist auf mehrjährige Versuche gegründeten
Erfahrungen, erklären sich die Unterzeichneten
einig in der Anerkennung der Vorzüge des
Keim'schen Verfahrens und empfehlen dasselbe
der ernsten Würdigung und Unterstützung
aller der Kunst nahestehenden Kreise. In
erster Linie haben die Unterzeichneten die kgl.
Staatsregiernng im Auge als diejenige In-
stanz, welcher die Kunstpflege im größten
und edelsten Sinne obliegt und welche natur-
gemäß das größte Interesse an einer die
monumentale Malerei unerwartet fördernden
Erfindung haben muß. Ihr wollen die Unter-
zeichneten die ernste Unterstützung der Erfin-
dung und des Erfinders gerade in der Zeit
der Einführung nachdrücklich empfohlen haben.
Aber auch dem Unternehmungsgeist einsichts-
voller Privaten ist hier zur materiellen Aus-
beutung einer Erfindnng, die ans einem be-
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