Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 41
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plastischen Darstellungen betrifft, so wurzelt
derselbe noch ganz in der Antike. Die
Zeichnung und Haltung der Figuren, die
Art der Gewandung, die Motive der
Draperie, der Ausdruck der Köpfe, alles
erinnert an die noch lebendige Tradition
der römischen Kv'ck. Ein werthvolleS
Erbe ist das Ver ^gen des klaren präg-
nanten Ausdrucks, die Kunst, mit wenigen
charakteristischen Zügen alles Wesentliche
darzustellen. Die Selbständigkeit der christ-
lichen Künstler tritt aber klar in der be-
sondern Art der Anwendung und Um-
bildung und noch mehr in der Weiter-
führung und Neugestaltung charakteristischer
Züge hervor. Hiezu werden sie gedrängt
durch die innige Hingabe an den stofflichen
Inhalt ihrer Gebilde und die Absicht, mög-
lichst viele Einzelzüge desselben ans ein
und demselben Werke zu vereinen. Die
Gestalten und Szenen reihen sie am liebsten
ohne Unterbrechung in gedrängter Folge
aneinander. Das Verständniß derselben ist
um so leichter, weil sie nach dem Vorgänge
der Antike die einmal gewonnenen Symbole
und Darstellungsmittel konsequent beibe-
halten. So erkennen wir den jugendlichen
Christus sammt der Bedeutung der jeweiligen
Situation bei den einzelnen Wundern und
Lebensmomenten, wie wir gesehen, ohne
Schwierigkeit. Die Zusammensetzung der
einzelnen Szenen mit ihren bestimmten
Motiven ist aber um so mannigfaltiger.
Eine bestimmte logische Gedankenfolge ist
darin aber gewöhnlich nicht zu entdecken,
sondern die Meister folgen in der Aus-
wahl der Szenen nur künstlerischen Rück-
sichten. Als charakteristische Eigenthüm-
lichkeit dieses Styls muß die Mittelstellung
dieser Reliefbildnerei zwischen der rein
malerisch wirkenden der römischen und jener
streng reliefartigen Behandlung der griechi-
schen Werke bezeichnet werden. Die rein
malerische Wirkung wird durch den Mangel
jeder Vertiefung der aus gleichem, ebenen
Plane stehenden Figuren verhindert. Von
einem strengen Reliefstyl nach dem Muster
der Griechen kann nicht die Rede sein,
weil es vor allem an der lebendigen Fort-
bewegung jener fast nur in Profilstellung
sich zeigenden Figuren fehlt. Die Figuren
der christlichen Särge stellen sich uns fast
nur von vorne dar, sie sind mit ihrer
getragenen, ruhigen, wenn auch oft em-

pfiudungsvollen Bewegung zwar in malerisch
wirksame Gruppen vertheilt, jedoch stets
von einer mehr oder weniger strengen
architektonischen Symmetrie beherrscht. Da-
her ist ihre Wirkung eine getheilte und
schwankt zwischen malerischem Effekt und ar-
chitektonischer Symmetrie. Dieser künstlerische
Form-Charakter entspricht nun auch vollends
dem Wesen des Inhalts und seiner macht-
vollen erhabenen Wirkung auf den gläubigen
Künstler. Daher spricht sich auch hier
schon, wie Lübke richtig bemerkt, „das Vor-
walten der beiden Mächte" aus, welche in
der christlichen Aeradie tonangebenden werden
sollten: der Architektur und Malerei.

Auch au andern Orten finden sich noch
künstlerisch werthvolle Sarkophage. So in
der Franziskanerkirche zu Spalato aus dem
5. Jahrhundert (Abb. in „Jahrb. der Wiener
Central.-Com." 1861. II. 5. Eitelberger
über Dalmatien). Er stellt den Auszug
der Israeliten dar und zeigt die echt antike
Auffassung auch darin, daß hier Anfang
und Schluß desselben in eine einzige Szene
zusammengedrängt erscheint: die Israeliten
ziehen soeben vom rettenden User wie in
festlich heiterer Stimmung von dannen;
die Verfolger, mitten unter ihnen Pharao
auf seinem Streitwagen, stürzen ihnen nach
in das Flutengrab, während der Letzte
des Gefolges soeben erst aus dem Thore
sprengt. — Zu Ankona steht in der süd-
lichen Krypta des Domes der große Sarg
des Gorgonius, der aus allen 4 Seiten
reich mit Reliefbildern — unter diesen in
ganzen Figuren die beiden Gatten sich um-
armend — versehen ist!

Auch im südlichen Frankreich bergen die
Museen von Marseille, Aix, Arles, Lyon
noch manchen altchristlichen Steinsarg.

In Deutschland fanden sich nur in
Trier altchristliche römische Grabdenkmäler,
und unter diesen nur ein einziger mit be-
merkenswerthen Skulpturen. Dieser an
die 7 Fuß lange, 2V2 Fuß breite und
2 Fuß 3 Zoll hohe Sarg zeigt auf der
vordern Seite auf dem Mittlern größern
Felde die Arche Noas, ein länglich vier-
eckiger Kasten, in demselben stehen vier
Paare, Mann und Weib, hintereinander,
die Linke auf die Brust gelegt, die Rechte
der ihnen entgegenfliegenden Taube mit dem
Oelzweig entgegenstreckend; aus dem Rande
liegen und stehen allerlei Thiere, und vor
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