Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 44
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folgt nun aber nicht, daß die darstellende
Kunst nicht Recht und Pflicht hätte, das
Schreckliche und Entsetzliche zu mildern
und abznschwächen. So ist es wahrschein-
lich , daß der Unglückliche nach dem übli-
chen Exekutionsmodus nicht aufrecht au die
Säule gebunden würde, sondern tief nieder-
gebeugt, mit gekrümmtem Rücken; die Kunst
hat aber mit großem Recht hievon abge-
sehen und auch das blutige Werk der Zer-
fleischung, das die Geiseln vollbrachten,
nicht der Wirklichkeit gemäß zu schildern
gesucht. Ihr Zweck gibt ihr zu solcher
Milderung das Recht, ja diktirt sie ihr
als Pflicht.

Die Hoheit und Majestät darf unter
der Wucht des Schmerzes und der Schmach
nicht erdrückt werden, sondern muß als
verklärender Strahl aus das Schmerzens-
bild fallen. Unsere deutschen Altmeister
gehen in Wiedergabe der Realität schon
ziemlich weit. Dürer in seiner kleinen
Passion (herausgegeben von Deiß) und
im Kupferstich von 1512 (Dürers Kupfer-
stiche von Lübke und Obernetter) zeigt das
Streben, die Wuth der Peiniger und die
Schmerzlichkeit der Züchtigung hervorzu-
heben; sein Christus ist namentlich aus
letzterer Darstellung ein Wurm, der sich
windet und krümmt unter dem Uebermaß
von Qual. Mehr bemüht sich schon eine
Zeichnung von Hans Holbein (im
Museum zu Basel) die aus dem Meer
von Schmerz emportauchende Resignation
zu betonen; auch sind hier mit großem
künstlerischem Geschick der Wildheit und
Grausamkeit der Henker einige Tropfen
von Hohn und Spott beigemischt, so daß
doch nicht bloß die Rohheit zum Ausdruck
kommt.

Darin muß der inspirirte christliche Künst-
ler bei diesem Bilde seine Meisterschaft zeigen,
daß er die von ihm heraufbeschworenen, von
der Scene geforderten Affekte des Schmerzes
zu beherrschen und durch kräftige Züge
von Würde und ergebungsvoller Resignation
zu verklären und zu vergeistigen weiß.
Es genügt nicht, den Heiland in stoische
Resignation zu kleiden, noch ihn rein
physisch den Schmerz bezwingen zu lassen.
So stellt Michelangelo in dem Entwurf
zum Geiselungsbilde, das Sebastiano bet
Piombo in S. Pietro in Montorio in Rom
ausführte, den Herrn als einen Mann dar,

welcher mit furchtbarer physischer Krast-
anstrengung den Schmerz sozusagen in den
Muskeln zerdrückt. Der Künstler muß
hellere Verklärungslichter auf das Antlitz
und die Gestalt zu legen wissen und vor
allem den Ausdruck des Schmerzes mäßigen;
der Körper muß aufrecht bleiben, auch
das Haupt darf nicht ganz gesenkt werden,
damit die Macht des Blickes nicht verloren
geht, der entweder,gen Himmel zu richten
ist, oder wie bei Fiesole, aus einen der
Peiniger, oder vielleicht noch besser, auf
den Beschauer, um diesem die Beziehung
dieser Schmerzen zu seiner eigenen Seele
nahezulegen.

Das Geiselungsbild modifizirt sich in
seiner Komposition ziemlich wesentlich, je
nachdem man die Geiselsäule als Säule
von größerer Höhe oder als niedrige
Stumpfsäule annimmt. Man findet, daß
die alten Bilder wohl ausnahmslos die
hohe Säule haben und nun den Körper
entweder mit der Brust oder mit dem
Rücken an diese gelehnt sein lassen, d. h.
entweder sind die Arme rückwärts an die
Säule angebunden, so daß der Rücken durch
die Säule gedeckt, die vordere Körperseite
frei und der Geiselnng ausgesetzt ist, oder
aber umschlingen die Arme von vorn
die Säule und schmiegt sich die Brust au
dieselbe an, während der Rücken frei ist.
Steht der Heiland hinter der Säule, so ist
natürlich, wie von Duccio geschieht, sowie
auf dem obengenannten Fresko in Sant
Urbano alla Caffarrella, durch eine Wen-
dung des Körpers oder wenigstens Hauptes
zu verhüten, daß der Anblick des Herrn
durch die Säule verdeckt werde. Dürer,
der ebenso wie Holbein die Hochsäule hat,
hilft sich, indem er den Herrn ganz von
der Seite darstellte. Andere dagegen, wie
Fiesole und auch Ghiberti aus der ersten
Thüre des Baptisteriums, auch das Hoch-
altarbild im Dome zu Schleswig (1515)
stellen ihn vor die Säule und lassen dem-
gemäß die Geiselstreiche auf seine Brust
gerichtet sein. Michelangelo hat schon die
niedrige Säule, welche das Arrangement
der Scene erleichtert. Was historisch
richtiger sei, ist nicht leicht zu entscheiden.
Offenbar fußt die alte Kunsttradition auf
der Nachricht des Hieronynrus, man habe
ihm unter den Säulen, die den Portikus
der ans Sion erbauten Kirche tragen, die
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