Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 56
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V

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Gestalt eines dem Benediktiner-Orden ange-
hörenden Abtes, vielleicht den Klosterstifter
Hariolph mit dein Heiligenschein darstellend,
den Donator mit der rechten Hand um-
schlingend und ihn der hl. Mutter empfehlend.
Auch dieses Gemälde ist größtentheils zer-
stört. Der barbarische Spitzhammer hat den
Malgrund zur Auftragung eines neuen
Grundes bearbeitet. Das Angesicht der hl.
Jungfrau besonders, aber auch ihre übrige
Gestalt, hat schwer gelitten. Die Gesichter
der übrigen drei Figuren sind gilt erhalten.
Der Donator ist offenbar Porträt, wallenden,
gelben Haares, tonsurirt, mit der Mozetta
bekleidet, vielleicht den Erbauer der Kapelle,
Fürstpropst Albert I. (v. Nechberg) darstellend.
Zeichnung und Technik, auf die Fernwirkung
berechnet, verrathen einen gewandten und er-
fahrenen Meister. Maltechnik bctresfend sind
cigenthümlicher Weise die Gesichter in Kalk-
farben, einzelne Gew'andparthieen enkaustisch
ausgeführt. Leider ist das Ganze nicht mehr
restaurationsfähig. Das nächste Gewölbe-
joch der Südseite war ebenfalls bemalt, da-
her auch wohl das der Nordseite. Bei jenem
ist bis auf wenige Farbenreste und Spuren
einer für die Zeitbestimmung, Stifter und
Maler nicht unwichtigen Inschrift alles zer-
stört. Mit Sicherheit sind von dieser nur
noch die Worte: zu lob und ehr seiner
m. (ntter?) — zu entziffern. Das Gemälde
ist durch ein großes, 1719 in die Mauer
eingelasseues Epitaph des Stiftsdekans Ignaz
von Peutingen, f 1719, zerstört.

S ch w a r z.

Literatur.

Kolb, Glasmalereien des Mittelalters
und der Renaissance. Stuttgart, Verlag
von Konrad Wittwer, 1884. 1. Heft.

Der Herausgeber, Professor H. Kolb in
Stuttgart, spricht sich in den Einleitnngswortcn
des L Heftes über den Zweck des ganzen Werkes
also aus: „Wohl kennen wir in verschiedenen

Editionen einzelne Abbildungen von Glasmalereien,
ein Werk aber, welches Vorbilder ans der ganzen
Entwicklungsgeschichte dieser Kunst gibt, das ver-
gleichende Studium ermöglicht und hauptsächlich
der Praxis gewidmet ist, ist uns nicht bekannt.
So glauben luir mit unserer Publikation dringen-
den Wünschen entgegenzukommen, für Techniker
und Künstler, Lehranstalten. Sammlungen und
Kunstfreunde ein gleich werthvolles Sammelwerk
zu bringen." Und ferner: „Wie der Titel sagt,
soll das ganze Gebiet der Glasmalerkunst be-
handelt werden, von den ersten Werken der
romanischen Kunstperiode an bis zur sogenannten
Kabinetsmalcrei des sechzehnten und siebenzehnten
Jahrhunderts. Von der Absicht geleitet, für
die Praxis verwendbare Vorbilder zu

bringen, werden wir unsere Abbildungen in einem
Maßstabe geben, der dieses ermöglicht, und werden
von Reproduktionen ganzer Fenster in allzukleiner
Darstellung absehen," Wenn der Herausgeber
und Verleger an diesem Programm bis zum
Schlüsse festhalten. so werden sie nicht bloß
dringenden Wünschen entgegenkommen, sondern
einer wahren und wirklichen Roth abhelfen. Weder
die Kunstlvissenschaft, noch die Praxis werden
diese bedeutende Leistung, welche nicht alte Ge-
lesse austritt, ignoriren können. Damit ist der
Werth des Werkes klargestellt: mit dieser Anlage
überbietet es alle bisherigen Erscheinungen, ihm
selbst vermag keine Konkurrenz zu machen. Was nun
die Ausführung betrifft, so bringt das erste Heft auf
6 Tafeln mit je einem Blatt erklärenden Textes
die angeblich ältesten Glasgemälde Deutschlands
ans dem Dome von Augsburg, die Bilder von
David nnd Oseas in etwa No der natürlichen Größe,
romanisch, angeblich aus dem 11. Jahrh., gothische
Bordüren und Maßwerkfelder ans dem Ende des
13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts, jetzt im
Nationalmuseum in München, gothische Maßwerk-
felder aus denl 13. bis 15. Jahrhundert vom
bayerischen Nationalmuseum und der Frauen-
kirche in Eßlingen, gothische Bordüren aus Köuigs-
felden (Schweiz) vom 14. Jahrhundert und einen
Theil des Tucherfensters in der St. Lorenzkirche
zu Nürnberg aus dem Jahr 1601. Korrektheit
der Zeichnung und Treue der Farben lassen ! ichts
zu wünschen übrig. Die Ausstattnng ist nobel.
Bezüglich der äußeren Bedingungen des Er-
scheinens haben lvir zu bemerken, daß das Werk
10 Hefte a 10 M. umfassen wird, daß die Hefte
in Zwischenräumen von etwa 1U Jahr sich folgen,
also das ganze Werk in etwa 3 Jahren ab-
geschlossen sein wird. Im Hinblick ans die Noth-
wendigkcit des Studiums der Originalwerke aller
kirchlichen Stylperioden, ganz besonders ans dem
Gebiete der Glasmalerei, wo noch so viele Un-
klarheit herrscht, empfehlen wir den geehrten
Lesern unseres „Archivs", der Geistlichkeit und
den von ihr beschäftigten Künstlern, ganz be-
sonders aber den Landkapitelsbibliotheken dieses
bedeutende Werk dringendst zur Anschaffung und
zum eingehendste» Studium. Wir werden nicht ver-
fehlen, über Fortgang desselben im,.Archiv" von
Zeit _ zu Zeit Bericht zu erstatten ititb es nach
Gebühr zu besprechen. Den Wunsch erlauben
lvir uns auszusprechcn, daß die romanischen und
gothischen Vorbilder bei der Auswahl in gebühren-
der Weise bevorzugt lverdcn mögen.

S ch w a r z.

Von der. 1—6 des „Archivs" (1. Semester
1883) deren erste Auflage gänzlich vergriffen war,
ist eine

= Lweite Auflage

veranstaltet worden, lind es können daher voll-
ständige Exemplare deK ganzen erste» Jahr-
gangs durch die Post, durch alte Buchhandlun-
gci: oder gegen Einsendung von M. !. 35 für
je ein Halbjahr oder M. 2. 70 ganzjährig direkt
von der Expedition d. Bl. jederzeit bezogen
werden.

Stuttgart, Buchdruckcrci der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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