Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 57
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Archiv für christliche Kunst.

Mrgan des Rottenburger Diözesan-Oereins für christliche Runst.

Serausgegeben und redigirt von Dr. Fr. I. Schwarz in Lllwangen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Runftvereins, für denselben: der Vorstand Dr. Fr. I. Schwarz.

Lr. 7.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährl. für M. I. 35 durch die württemb. (M. I. 20
im Stuttg. Ncstellbczirk), M. 1. 50 durch die bayerischen und die Reichspostanstallen,
Frcs. 2. 50 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden auch angenommen von
allen Buchhandlungen, sowie direkt von der Expedition des „Deutschen Bolksblatts" in
Stuttgart, Militärslr. 2E, zum Preise von M. 1. 35 halbjährlich.

I884.

Die kirchliche Glasmalerei.

Geschichte ihrer Technik unb ihre
heutige künstlerischeBehandlung.

Von Pfarrer Detzel in Eisenharz.

(Fortsetzung.)

b) Charakter der G l a s m a l e r e i
der e r st e n Periode.

Die verschiedenen Fenstergattungen hin-
sichtlich des Inhalts ihrer Malerei werden
in unserer ersten Periode der Glasmalerei
am besten in drei Hauptabtheilungen ge-
theilt: wir finden Ornamentfenster, Medail-
lonsfenster und Fenster mit Standfiguren
oder höchst einfachen Figurenkompositionen.

Die Ornamentsenster, die kein
Figurenwerk enthalten, haben entweder
bloß geometrisches Ornament, wie
z. B. Muster aus Streifen, Rosetten,
Rauten u. dgl., oder aber Laubwerk,
das selbst wieder von verschiedenem geo-
metrischem Zierwerk umgeben, oder aber
frei angeordnet ist. Die Fläche all dieser
Fenster zerfällt gewöhnlich in den ein-
sassenden Fries und den innern an Größe
weit überragenden Haupttheil oder Fond.
Der Fries, d. i. der Rand des Fensters,
besteht meistens aus zwei oder drei
Streifen, von denen der äußere, an den
Steinpsosten anstoßende, in weißem Glase
ausgesührt ist, der innere dagegen gelb ge-
färbt und mit dem Perlfries dekorirt ist.
Der Fond oder innere Haupttheil des
Ornamentfensters ist mit einein Band-
geflecht oder andern geometrisch gemusterten
Formen gefüllt. Beim Ornamentfenster
mit Laubwerk aber wird durch ein Schema
geometrischer (Streifen ein Mtz gebildet,
das sich mit Blattparthieen, die von einzelnen
Knotenpunkten ausgehen, füllt. Bei all
diesen Ornamentfenstern nun sind die
Blätter, Stengel, Früchte u. s. w. in Um-
riß und Flächenzeichnung nur mit Schwarz-
loth, sei es auf weiße oder farbige Scheiben,

aufgemalt und eingebrannt; die natürliche,
d. h. in der Fritte hergestellte Farbe der
Scheibe, roth, blau, grün u. dgl. gibt
die Farbe des Ornamenttheils. Der Grund,
auf dem sich das Laubwerk abheben soll,
ist wieder aus Stücken von farbigen Gläsern
zusammgesetzt und immer, wo verschieden-
farbige Glasstücke zusammentresfen, sind sie
durch Bleiruthen getrennt. Außer der
weißen und gelben Farbe finden wir am
meisten das Blau und Roth angewendet,
und zwar fast ausnahmsweise in gesättigten,
vollen Tönen; Grün und Violett treten
sparsamer auf.

Ein Hanptmittel, wodurch die Glas-
malerei unserer Periode so herrliche Er-
folge in ihrer Farbenwirkung erzielte,
lag in der Art und Weise, wie sie die-
selbe v erth eilte. Wir sehen gerade be-
sonders bei den Ornamentfenstern jede
Farben Häufung aufs ä n g st l i ch st e
vermieden, keine ist an diesem oder
jenem Theile überwiegend angewendet,
sondern auf allen Theilen der Fensterfläche
wiederholen sich die einzelnen Farben-
komplexe möglichst gleichmäßig, es ist mit
einem Worte überall auf eine glatte,
teppichmäßige Wirkung abgesehen. Nirgends
häufen sich dunkle Töne, ohne daß Helle
neben und zwischen treten, das Ornament
selbst aber geht hell ab von dunklem
Grunde.

Die M e d a i l l 0 n s f e n st e r werden
gebildet, indem in einem eingetheilten Orna-
mentfenster regelmäßig wiederkehrende Felder
zwischen den Sturmstangen statt mit Laub-
werk mit Figurenwerk von kleinerem Maß-
stabe, seien es Einzelnfiguren oder ganze
Szenerien, gefüllt werden. Im ganzen
12. und 13. Jahrhundert finden wir diese
Gattung von Fenstern sehr häufig, und ihr
Inhalt waren historische Szenen aus der
hl. Schrift, besonders aus dem alten Testa-
ment, und legendarische Darstellungen aus
dem Leben der Heiligen; meistens bilden
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