Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 62
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der Kirche des hl. Lambert zu Lüttich ver-
machte, auf welches das »Communicantes«
des Kanon in 42 Zeilen eingravirt ist.
Auch wurden die Diptychen in Ermangelung
andern künstlerischen Schmuckes oft auf
den Altar gestellt, aus welcher Praxis sich
an den fixen Altären die besonders der
Gothik eigenen Flügelaltäre entwickelten.
Die Triptychen, Pentaptychen, Polyptychen
mit drei, vier und mehr Tafeln kommen
nur im christlichen Gebrauche vor.

Was nun den Inhalt ihrer bildlichen
Darstellungen betrifft, so sind dieselben
meist der hl. Schrift entlehnt oder es sind
Bilder des Heilandes, der seligen Jung-
frau und anderer Heiligen; nach Buo-
narotti (Vet. antichi. p. 10.) gibt das
Gedicht des Prudentius die Beschreibung
eines Diptychon, wornach dieselben auch
ganze Cyklen von biblischen Darstel-
lungen enthielten.

Die meisten dieser religiösen Elfenbein-
schnitzereien müssen wir byzantinischen
Meisternzuschreiben, schon aus dem Grunde,
weil in Byzanz mehr als anderswo die
kirchliche Kleinkunst blühte. Diese zeichnen
sich vor allem durch Sauberkeit der Arbeit
und zierliche seine Technik aus. Im Gegen-
satz hiezu tritt aber gerade an diesen die
Entartung der schönheits- und lebensvollen
Form der Antike in das steif Konventionelle
um so deutlicher hervor. Wir wollen hier
nur ein charakteristisches Beispiel anführen.
Es ist das im Style der konsularischen
Diptychen gearbeitete, wohl im 6. Jahr-
hundert entstandene Diptychon zu Berlin.
Christus, nicht mehr in der jugendlich
schönen Gestalt der altern Auffassung,
sondern als bärtiger Greis dargestellt,
sitzt nach Art der Konsuln auf der sella
curulis, segnet nach lateinischer Weise mit
ausgestrecktem Daumen, dem Zeige- und
Mittelfinger und hält in der Linken das
Buch. Die Kleidung ist die konsularische,
Tunika und Toga. An die Stelle der
Liktoren treten Petrus und Paulus, Kaiser
und Kaiserin ersetzen Sol und Luna. Auf
einer zweiten Darstellung sieht man in
einer Muschelnische Maria mit dem Christns-
kinde auf dem Schooße, statt der alten
Genien und Viktorien Engel, auch wieder
Sonne und Mond. (E. Förster, Gesch.
der ital. Kunst I. 151). Auch in Fulda
ist ein altkirchliches Diptychon. „Liturgisch

am interessantesten bleibt daö Diptychon
des Flavins Taurus Clementinns vom Jahre
513. lieber dem Bilde des Konsuls
schütten vier Jünglinge Säcke mit Gold
aus, was sich ans den Titel des Herrn
als Lomes sacrarum lar^itionum be-
zieht; im Innern sind Gebete und der
Name eines Bischofs (Hadrian I. von Rom?)
eingeschrieben." (Kraus. Ehr. K. 129).
Zur Charakterisirung der konsularischen
Diptychen führen wir jenes des Areobindus
vom Jahre 506 an. Der Konsul thront
in steifer, mit Stickereien überladener
Toga bewegungslos auf der reichgezierten
Sella, in der Rechten hält er die Mappa,
ein gesaltenes Tuch, mit dem das Zeichen
zum Beginne der Spiele gegeben wird, in
der Linken den goldenen Stab, das Symbol
seiner Amtsgewalt. Löwen und Bären
sind aus den Thoren des Cirkus hervor-
gestürzt und werden, auf den Hinterbeinen
stehend, von den Kämpfern mit Speeren
niedergestochen, welchem Schauspiel die
Zuschauer von der Galerie zusehen. Die
Szene ist etwas roh in der technischen
Ausführung aber voll einer gewissen Frische
und Lebendigkeit in der Bewegung der
Figuren, und auch der Ausdruck der Zuschauer
von individueller Empfindung. (Siehe Abb.
in Lübkes Plastik 389.)

Das bedeutendste Werk byzantinischer
Kunst ist aber der Bischofsstuhl des Maxi-
mianus in der Sakristei des Domes zu
Ravenna, ans der Zeit von 550. Sowohl
die flache in einen Rundbogen schließende
Rückenlehne, als die Füße mit ihrem Ranken-
ornament und die vier Füllungen zwischen
den Füßen sind mit Elfenbeinreliefs bedeckt;
die 10 Darstellungen der Geschichte Josefs
auf den Seitenwangen sind in guten Motiven
mit antiker Lebendigkeit ausgeführt, werden
aber an Frische des Naturgefühls noch
übertroffen, von den die bildlichen Dar-
stellungen einschließenden feinen Ranken-
friesen mit ihren gewandt gezeichneten
Hirschen, Löwen, Pfauen und andern
Vögeln. Hievon stechen um so mehr die
fünf größern Heiligengestalten auf der
Vorderseite zwischen gewundenen Säulen
unter Muschelbögen stehend, durch ihre
trockene gedrückte Bewegung, durch ihren
starren mürrisch alten Ausdruck der großen
Köpfe, sowie den unbeholfenen Reliefstiel,
ihrer halb in Profil- und halb in Enface-
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