Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 67
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ähnlich. Mehr und mehr richtet sich jetzt
der Sinn auf reichere Bilder, auf eine
größere Zahl von Figuren, auf eine Grup-
pirung, die gleich jener der Oelgemälde in
dramatischer Weise bewegt und belebt war.
Mit Einem Worte: der Figurenschmuck ist
jetzt die Hauptsache, die früher gleichbe-
rechtigte Ornamentik verschwindet, eine Rück-
sicht in der Komposition auf die Gliederung
der Fläche durch Stabwerk wird jetzt nicht
mehr genommen, sondern die Bilder werden
in solcher Breite entworfen, die Figuren
so gestellt und die Gruppen der Art ver-
theilt, als hätte man sie aus hoher und
breiter Leinwand aufgetragen. Wie Ge-
fangene durch die Gitter, schauten jetzt
die Heiligengestalten von den Fenstern durch
das vorgelegte Maß- und Stabwerk auf
die Andächtigen in der Kirche herab. Der
Hintergrund ist jetzt nicht mehr behandelt
wie eine Tapete, sondern ganz realistisch;
wir begegnen ganzen Landschaften und
Architekturzeichnungen mit allen Mitteln
der modernen Oelmalerei, ausgeführt mit
allen Lichteffekten und bestimmten Perspekti-
ven. Die Glasgemälde unserer Epoche
haben so den Charakter der Flächenmalerei
vollständig eingebüßt, sie reißen sich
los von dem Ganzen des Barl wer-
tes und führen gleichsam ein eige-
ne s, a b g e s o n d e r t e s Leben f ü r s i ch.
Dieses neue Prinzip der Malerei mit bunten
Farben auf weißem Glase, das Appretur-
malerei genannt wird, spricht sich in
manchen Fällen in einer so schroffen Weise
aus, daß über das ganze Fenster hin nur
eine Eintheilung viereckiger Scheiben gezogen
ist und diese dann unabhängig von der
Bleiführung mit den einzelnen Theilen des
Gemäldes versehen sind. ' Häufiger freilich
folgt das Blei nach alter Weise nach den
Hauptkonturen, wie denn auch die Benutzung
von in der Masse gefärbten oder über-
fangenen Hüttengläsern nicht sofort ausge-
geben wird, sondern in den besten Beispielen
auch des 16. und 17. Jahrhunderts zum
Theil sich beibehalten findet. Aber auch in
diesen macht sich der Verfall geltend; der
Verzicht auf zahlreichere Bleikonturen raubt
dem Bilde einen Theil der Kraft. Von
den Farben übernehmen Weiß und Gelb
die Hauptrolle und zerreißen und durch-
löchern das Fenster, besonders von weitem
aus^gesehen, wo das Detail der Zeichnung

mehr zurücktritt. Durchgeführte Linien und
Luftperspektiven, die landschaftlichen oder
andern vertieften Hintergründe stellen ganz
und gar den Charakter der Stafseleibilder
her. Mail will jetzt jedes Bild mit allen
Nüancirungen der Farbe, mit möglichster
Naturwahrheit und vollem Realismus in
allen Formen reprodnziren. Die Glas-
malerei bemächtigt sich jetzt mehr und mehr
der Darstellung auch weltlicher Gegenstände,
sie verschwindet aus der Kirche und zieht
im Profangebäude ein. So sehr auch die
Glasmalerei unserer Periode die Fähigkeit
zur Lösung monumentaler Aufgaben großen
Maßstabes für die Kirche einbüßt, so
geeignet erscheint ihre jetzige Technik für
die Behandlung kleiner Bilder, die von
jetzt an den Fensterflächen der profanen
Architektur zum Schmucke dieuen. Es
handelt sich dabei hauptsächlich um einzelue
gemalte Medaillons, welche weißen Glas-
flächen gewissermaßen aufgeheftet sind und
die oft, in der Nähe betrachtet, sehr zart
behandelt sind. Besonders siild es Wappen,
aber auch Szenen aus der heiligen und
profanen Geschichte, sowie Porträts, die
in dieser Art Malerei, Kabinetsglas-
malerei genannt, zur Darstellung kommen.
Anfangs findet man die Medaillons noch
aus mehrfachen Glasscheiben zusammen-
gesetzt, wo die Tinkturen des Wappen-
schildes gern mit Hilfe bunten Hüttenglases
dargestellt werden; später, im 17. Jahr-
hundert, malt man allermeist mit den Emails
auf ganz weiße Scheiben. Diese Art der
Glasmalerei kam besonders in der S ch w e i z
zu hoher Blüte und von dort wurde sie
auch in Deutschland verbreitet. Eine herr-
liche Sammlung solcher Kabiuetsglasge-
mälde befindet sich im Kgl. Schlosse zu
Friedrichshafen, woselbst aber auch
interessante Bruchstücke jener frühesten Glas-
malerei aufbewahrt werden, die vollständig
im Mosaikstyl arbeitete.

(Schluß folgt.)

Oie Darstellung der Auferstehung.

Die Kunst der Katakomben, welcher
durch die Arkandisziplin die Zunge ge-
bunden war, schwieg doch keineswegs über
das erste Geheimniß der Verherrlichung
Jesu, sondern sprach beredt von seiner
Auferstehung, ohne sie zu nennen. Sie
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