Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 68
DOI Heft: 10.11588/diglit.15860.43
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15860.45
DOI Seite: 10.11588/diglit.15860#0072
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1884/0072
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
68

erzählte davon in alttestamentlicher Typen-
schrift. Jonas, aus dem Bauch des Fisches
erlöst, Daniel, errettet aus dem Rachen
des Löwen, müssen in typischer Stellver-
tretung den von den Todten Auferstandenen
repräsentiren und die Gläubigen an das
Geheimniß erinnern. Auch als man längst
angefangen hatte, Szenen und Geheimnisse
des Lebens Jesu nachzubilden, wagte man
noch lange keine Darstellung der Auf-
erstehung; man begnügte sich damit, dem
in der Glorie thronenden Heiland Symbole
beizugeben, welche auf den Sieg über Grab
und Tod hinwiesen, nämlich den Palm-
baum mit dem Phönix. So aus alt-
christlichen Sarkophagen, auf Mosaiken in
St. Kosmas und Damian und Johannes
im Lateran in Rom, in St. Mariä in
Cosmedin in Ravenna.

Die ersten direkteren Darstellungen
des Ostergeheimnisses hielten sich streng
ans Osterevangelinm; sie beschränkten sich
aus das leere Grab und die Engel, welche
den Frauen die Botschaft der Auferstehung
verkündigen. Daß diese Darstellung dem
christlichen Gemüth nicht völlig genügen
konnte, verstehen wir. Das christliche Auge
sucht auf dem Auserstehungsbild Jesus den
Auferstandenen selbst; ohne ihn erscheint
das Bild ihm leer wie das Grab. Die
Kunst suchte diesem berechtigten Verlangen
zunächst auf zweierlei Weise zu genügen,
indem sie die Erscheinung von Magdalene
oder den Frauen unmittelbar daneben setzte,
oder indem sie die Himmelfahrt Jesu ins
Bild hereinzog und in der oberen Bild-
hälfte zur Darstellung brachte. Für die
erste Art bieten ein Sarkophag im vati-
kanischen Museum und ein syrisches Manu-
skript in der Bibliothek zu Florenz aus
dem 6. Jahrhundert Beispiele. Ein schönes
Beispiel der zweiten Art findet sich auf
einem in Bamberg entdeckten, jetzt im
Museum zu München befindlichen Elfen-
beinrelies wohl aus dem 6. Jahrhundert;
das hl. Grab ist hier als sehr reichverziertes,
von hoher Kuppel überwölbtes Tempelchen
dargestellt (wohl Nachbildung der heiligen
Grabeskirche). Die Wächter sind an dies
Grab angelehnt, der eine schläft, der andere
schaut und zeigt aufwärts. Vor dem
Grabtempel sitzt der Engel und redet zu
den Frauen; unmittelbar darüber steigt
der Heiland beflügelten Schrittes einen

Berg empor; eine Hand aus der Wolke
empfängt ihn; von den zwei Jüngern, die
bei ihm sind, verdeckt der eine mit der Hand
die Augen, der andere schaut staunend
aufwärts. Diese Kombination von Auf-
erstehung und Himmelfahrt ist zu verfolgen
bis zum 12. Jahrhundert. H^r spacht
also das Bild zum Beschauer: Christus
ist von den Todten auferstanden; siehe das
leere Grab; der, dem es einst zur Ruhe-
stätte diente, ist da oben in Glorie und
Herrlichkeit. So wurde das Verlangen
des christlichen Herzens, Christus selbst
aus dein Auferstehungsbilde zu sehen, be-
friedigt.

Nun ist aber nicht zu verkennen, daß
mit all diesen Darstellungen die Kunst
ein Bild der Auferstehung eigentlich
noch nicht zu Stande gebracht hatte; es
sind hier ab gebildet Erscheinungen des
Auserstandenen, seine endliche Verherrlichung
in der Himmelfahrt, sein leeres Grab, das
die Auferstehung als geschehen andeutet,
— nicht aber die Auferstehung selbst.
Ein erster Versuch, dies Geheimniß

des Grabes, den Akt und Moment der
Auferstehung selbst künstlerisch zu fixiren,
findet sich aus dem Osterkandelaber in
St. Paolo fuori le mura aus dem

12. Jahrhundert. Das Grab ist hier
ein von hohem, säulengetragenem Bogen
überwölbter Sarkophag; Christus steht auf-
recht in demselben, in der einen Hand das
Kreuz , in der andern das Signakulum
Christi, den vom Kreuz durchzogenen Diskus.
Das Bild steht aber noch vollständig unter
dem Einfluß der bisherigen Darstellungs-
art: unmittelbar neben dem Grab erscheint
Christus abermals in der von Engeln ge-
haltenen Mandorla aus dem Regenbogeu
sitzend und segnend; beide Szenen sind
durch ein äußeres Band verknüpft: zu
Boden liegende Wächter flankiren sowohl
das Grab als die Glorienerscheinung. Vom

13. Jahrhundert an macht die Kunst
kräftigere Anläufe zu direkter Schilderung
der Auferstehung. Da finden wir in Köln
aus dem Reliquiar von St. Albin (St.
Maria in der Schnurgasse) ein Aufer-
stehungsbild, auf welchem der Heiland den
einen Fuß auf den Rand des Sarkophags
gesetzt hat und im Begriff ist, auch mit
dem andern aus dein Grab herauszutreten;
zwei Wächter sind wie todt zu Boden ge-
loading ...