Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 69
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streckt. Hier haben wir also eine Dar-
stellung des auferstehenden, nicht des auf-
erstandenen Heilands. Giotto, der noch
in der Arena in Padua sich, wie der Ur-
vater seiner Schule, Cimabue in San
Franzesko in Assisi, mit dem leeren Grab
und der Engelsbotschaft begnügt hatte,
macht einen gewaltigen Schritt vorwärts
und über die bisherige Kunstübung hinaus,
wenn er auf einem Medaillon in der
Akademie von Florenz den Auferstandenen
über den niedergestürzten Wächtern mit
dem Siegesbanner in herrlichem Schwung
in die Lüfte aufschweben läßt. Angiolo
Geddi ahmt in der Sakristei von St.
Croce in Florenz das schöne Motiv nach,
erreicht aber Giotto nicht; der Maler der
Auferstehung im Campofanto zu Pisa greift
im 14. Jahrhundert wieder ganz auf das
Motiv des Heraussteigens aus dem Grabe
zurück. Fiesole behandelt, nachdem er,
ganz wie Giotto, zunächst in einer kleinen
Darstellung in der Akademie in Florenz
der alten Tradition sein Tribut bezahlt, in
seinen Zellenbildern in San Marco den
hl. Gegenstand in einer seine ganze
Richtung kennzeichnenden sinnigen Weise. In
einem Bilde, das wie alle diese Zellenbilder
unmittelbar dem Zweck der Kontemplation
und Meditation dienen sollte, durste natürlich
die Gestalt des Auferstandenen umsoweniger
fehlen, als hier das Auferstehungsbild
für sich steht, außer Zusammenhang mit
andern verwandten Szenen. Jesus er-
scheint nun bei Fiesole in den Lüsten in
zartester Beleuchtung; eine Wolke verhüllt
die Füße und entzieht zugleich seinen An-
blick den suchenden Frauen. Der Herr ist
im Bilde, aber nur für den Betrachtenden
ist er da; ihm flüstert der Künstler gleich-
sam still sein Geheimniß in's Ohr: „dort
ist er!" Diese Art, die Gestalt des Auf-
erstandenen ins Bild einzuverweben, ist
so recht aus der Seele Fiesolcks und gibt
der Darstellung einen entzückenden Reiz.
Anders hat Rafael's Geist den Vor-
gang anfgefaßt, wenn, woran nicht zu
zweifeln, der Entwurf zu der Tapete mit
dem Auferstehungsbild im Vatikan von
ihm stammt. Er läßt Christus aus dem
offenen Grab hervorschreiten und seinen
Siegeslauf durch die zu Boden geworfenen
Wächter hindurch nehmen. In zwei
Punktell wird man der großartigen Kompo-

sition nicht zustimmen können; nach ihrer
Erzählung scheint die Grabthüre für das
Herausgehen Jesu geöffnet worden zu sein;
hiedurch wird die richtige Vorstellung ver-
lassen, daß er mit dem verklärten Körper
aus dem noch verschlossenen Grab hervor-
gegaugen; sodann sehen hier die Wächter
den Herrn, was ebenfalls nicht als historisch
richtig anerkannt werden kann; doch geht
Rafael noch nicht so weit, wie Spätere,
welche die Wächter mit Spießen und Helle-
barden nach dem Verklärten stechen lassen.
Die Auferstehung in Dürers kleiner
Passion bietet mehr als einen Vergleichungs-
punkt mit der Rafael'schen Komposition.
Bei Dürer ist das Grab noch fest ver-
schlossen, das Siegel unverletzt; davor
steht, das Haupt im Strahlenkranz, die
Rechte ansgestreckt, die Kreuzesfahne in
der Linken, unter den schlafenden Soldaten
der Auferstandene, ohne daß die Soldaten
ihn sehen. Der Hauptgestalt ist ein maje-
stätischer Ausdruck nicht abzusprechen; aber
die Füße gerathen in eine Kollision mit
den Füßen der daliegenden Soldaten, welche
jenen Ausdruck bedenklich abschwächt; man
fühlt, wie nothwendig hier eine Erhebung
der Figur in die Luft wäre. Hier ist aber
doch noch ernster Gedanke und würdige
Form. Für einen großen Theil späterer
Auferstehungsbilder kann das von Anni-
bale Caracci im Louvre als Paradigma
gelten: der Heiland, zwar in Lüften schwebend,
aber schwer und unvergeistigt, von einigen
ordnnngslos fliegenden Gewandfetzen um-
flattert, am Kreuzesstab ebenfalls ein vom
Wind aufgebauschtes Leinwaudstück, das sich
ausnimmt, als wäre es zufällig von den
Grabtüchern daran hängen geblieben. Die
Höhepunkte der alten Kunst, die wir
signalifirten, sind selten erreicht, nie über-
schritten worden.

Die mündige christliche Kunst wird
allerdings mit einem Auferstehungsbild ohne
Auferstehenden oder Auferstandenen sich
nicht mehr begnügen dürfen. Soll seine
Gestalt ins Bild ausgenommen werden, so
konvenirt ihr am besten die schwebende
Haltung, schon wegen der Raumverhältnisse
und der Erleichterung für die Komposition,
und auch weil durch sie am deutlichsten
der Verklärungszustand angezeigt wird.
'Das Grab wie einen am Boden stehenden
Sarkophag zu behandeln, widerstreitet
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