Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 71
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tom. III. p. 745.) Fast gleichlautend be-
stimmt das Provinzial-Konzil der Bischöfe
von Irland im Jahre 1850. (Idid.
p. 782.) Klosterfrauen pflegen diesem
Gitter von ihrer, der Beichtenden Seite
aus noch einen Vorhang von leichtem
Stoffe beizufügen. Der Beichtvater soll
die Konstitution Pius IX. »Apostolicae
Sedis«, das Verzeichniß der Reservatfälle
der Diözese, sowie die Formel der Gene-
ralabsolution der Mitglieder des 3. Or-
dens des hl. Franziskus Ass. zur Hand
haben. Daher sollte der dem Beichtvater
reservirte Raum dieser Ausstattung nicht
entbehren. Sehr entsprechend ist es, die
Rückwand des Raumes der Beichtenden
mit heiligen Bildern zu zieren: Christus
am Kreuze, St. Petrus, St. Maria Mag-
dalena in der Buße, das letzte Gericht u. a.
Freilich sollten sie nicht bloß auf Papier,
sondern auf Holz gemalt sein, wenn sie
einigermaßen dem Charakter des Utensils,
dem sie zur zweckmäßigen Zier dienen,
entsprechen sollen. Auch passende Aus-
sprüche der göttlichen Offenbarung sind
lobenswertster Weise anwendbar, z. B.:
„Bekennen wir unsere Sünden, so ist Gott
getreu und läßt uns unsere Missethaten
nach." 1. Joh. 1, 9; oder: „Ein zer-
knirschtes und gedemüthigtes Herz verwirfst
du, 0 Gott, nicht." Ps. 50, 19; oder
Aehnliches aus den Bußpsalmen. So möge
sich Bilder- und Schriftsprache vereinigen,
um heilsame Anmuthungen zu erwecken.

Unseres Wissens besteht keine allgemeine
Vorschrift, welche bestimmt, daß der für
den Beichtvater bestimmte Raum durch
Vorhänge geschlossen werden und der Prie-
ster sich hinter denselben verbergen könne.
In einzelnen Diözesen besteht die Vor-
schrift. Ebenso ist es nur vereinzelter
Gebrauch, rechts und links Vorhänge an-
zubringen, hinter welchen sich die Pöni-
tenten während der Beicht verbergen können.

In Rücksicht auf den praktischen Ge-
brauch muß sowohl der Raum für den
Beichtvater, als der für die Beichtenden
nach Höhe, Breite und Tiefe eine Aus-
dehnung haben, daß das aufrechte Ein-
treten, das Sitzen und Knieeu ohne Un-
bequemlichkeit möglich ist; das kann und
muß selbst in weniger geräumigen Kirchen
gefordert werden. Wir glauben in der
artistischen Beilage eine Mustervorlage zu

geben. Wenigstens zeichnet sich das seit
zwei Jahrhunderten im Gebrauch befind-
liche Original, nach welchem die Beilage
gefertigt ist, durch seine Bequemlichkeit
und geringe Raum-Erforderniß ans. Nö-
thigeusalls kann, allerdings auf Kosten der
Schönheit, die Höhen-Entwicklung wegge-
lassen und der Beichtstuhl mit dem Haupt-
gesims abgeschlossen werden. Aus prakti-
schen Gründen ist auch eine Sockelanlage
nicht bloß wünschenswerth, sondern noth-
wendig, damit der Beichtvater nicht in
unmittelbare, höchstens durch ein Brett
gemilderte Berührung mit dem kalten
Boden kommt. Im Fall der Unmöglich-
keit sollte wenigstens ein Holzbelag in die
Tiefe gehen. Endlich ist erforderlich,
die untere Parthie des Mittelraumes
mit einer Thüre zu versehen und soweit
vorspringen zu lassen, daß der Beicht-
vater nicht gezwungen ist, die Füße in
unnatürlicher Lage zu halten. Nichts hin-
dert, den ganzen Mittelranm bis zur Höhe
des Hauptgesimses vorspringen zu lassen;
diese Behandlung verdient in mancher Be-
ziehung den Vorzug. Um Mißbrauch zu
verhüten, ist die Thüre in manchen Gegen-
den mit einem Schloß versehen, dessen
Schlüssel in der Sakristei verwahrt wird.
Die innere Seite der Thüre bietet Raum
für ein kleines, oben nach Art eines Pul-
tes bedecktes Schränkchen für ein Buch
oder andere Gegenstände des Bedürfnisses.
Daß der Sitz und die Armstützen in der
richtigen Höhe angebracht seien, ist selbst-
verständlich.

Endlich verlangt auch die künstlerische
Ausstattung des Beichtstuhls eine dem
Kirchengebäude entsprechende Berücksichti-
gung. Reich dekorirte Kirchen ertragen
auch ähnlich behandelte Beichtstühle, ein-
fachen stehen einfache, bloß durch stylge-
rechte Konstruktion ausgezeichnete an. Nähe-
res hierüber in der Erklärung unserer
artistischen Beilage, zu der wir setzt über-
gehen.

Das Original, dem dieselbe mit Ver-
änderung des Styls nachgebildet wurde,
ist ein aus dem Ende des 17. Jahrhun-
derts stammender, in der Nebensakristei
der Stiftspfarrkirche in Clllwangen für die
Beicht Schwerhöriger ausgestellter Beicht-
stuhl. Er dient nur vorübergehendem Be-
dürfnis!, hat daher nur Einen Beichtraum
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