Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 74
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ihre Bestimmung erfüllen soll, einerseits
als Schutzmittel gegen Wind und Wetter
zu dienen, andererseits als solches unent-
behrliches Gebäudeglied sich zugleich als
künstlerischen Schmuck dem Ganzen ein-
und unterzuorduen hat, so muß sie auch
wieder m o u u mental behandelt werden,
sie muß ihre Wurzel wieder erkennen,
welche in der Mosaik liegt, und muß
treu diesem Ursprünge ui cht S tafselei-
bild e r, sondern Teppichwirkereien
o r n a ui e n t a l e n und f i g u r a l e n I n-
Halts schaffen. Wir halten darum
ein Zurückgehen zu den Prinzipien der
Alten, wie wir sie in der 1. und theil-
weise auch in der 2. Periode der Glas-
malerei gesehen, bei all unfern monumen-
talen Kirchengebäuden für geboten. Ihr
Material, ihre Kompositionsweise und
ihre Behandlung von Bild und Orna-
ment, ihre Farbeuvertheilung und deren Har-
monie muß auch heute noch im Prinzipe
maßgebend sein, dann erst können wir bei
richtiger Mithilfe der neuern technischen
Fortschritte die Alten zu erreichen und sie
in Manchem zu überbieten suchen.

1) Das Material. Bei der An-
fertigung neuer Glasgemälde kommt es in
höchstem Grade aus die Wahl der Gläser
au. Mau kann im Großen und Ganzen
zweierlei bei der Glasmalerei verwendete
Glassorten unterscheiden: das gewöhnliche,
geblasene Fensterglas und das Kathedral-
glas. Das Kathedralglas wird in
zwei verschiedenen Texturen hergestellt ', als
in Form geblasenes, das man wohl auch
mit der Zange bearbeitet, streckt (Antik-
glas) , und als gegossenes, gewalztes.
Hinsichtlich der Farbe unterscheidet man
1) farbloses, 2) in der Fritte d. h. in
seiner Bestandmasse durch und durch ge-
färbtes Glas, 3) Glas, auf welchem Farbe
aufgemalt und daun eingebrannt ist, 4)
Uebersangglas, dessen Herstellung wir oben
kennen gelernt haben. Das Kathedral-
glas hat eine rauhtöruige, unebene, wellen-
förmige Oberfläche, eine solide Stärke und
scheinbare Risse und Striche, welche den
Glanz, die „Oscillation" der Farbe er-
höhen. Da es nicht durchsichtig ist, wie
das geblasene Glas, so braucht es nicht,
wie dieses, außerhalb gedeckt d. h. seine
volle Durchsicht braucht nicht durch einen
matten Ueberzug verhindert zu werden.

Es kann daher die volle Kraft des Lichtes
durchlassen und macht darum eine Kirche
weit weniger dunkel. Es wirkt körper-
hafter als das antike Glas und wird des-
halb von manchen Glasmalern vorzüglich
zu Teppichmustern, Architekturen, kurz allen
dekorativen Theilen angeweudet, wogegen
ersteres von ihnen wegen des höhern Glan-
zes und seidenhaften Spiegels für das Fi-
gurale vorgezogen wird. Es gibt aber
Glasmaler, die durchaus Antik verwenden
wollen, während andere selbst für Gewän-
der und Fleischtheile, also ebenso aus-
nahmslos , das markige, gewalzte Kathe-
dralglas vorziehen. Und dies halten wir
auch für das Richtige, wenn gemalte Fen-
ster im Mosaikstyl, also monumentaler Art,
hergestellt werden sollen. Es sollte darum
jeder Besteller die Bedingung machen,
daß nur Kathedralglas verwendet werden
dürfe. Solche Fenster werden dann bei
richtiger Verbleiung und sonstiger gehöriger
Behandlung von unverwüstlicher Dauer.
Unter allen Umständen sollte der Besteller
aber darauf dringen und es in den Kon-
trakt aufnehmen, daß der Glasmaler nicht
das gewöhnliche, durchsichtige, allerdings
weit billigere, Glas anwende. Die voll-
ständig durchsichtigen Gläser haben schon
das Unziemliche, daß, wenn sie bei Figu-
ren augewendet werden, man z. B. durch
den Magen eines Heiligen die äußere Na-
tur, Gebirge, Häuser, Bäume u. dgl. be-
trachten kann. Das Kathedralglas ver-
hindert das; es läßt wohl das Licht voll
und ganz durch sch einen, ist aber nicht
durchsichtig; es schließt das Innere der
Kirche gleichsam wie eine Mauer ab und
wirkt insofern schon monumental.

Die Anwendung dieses Glases zu stylisti-
scheu Leistungen kommt denn auch immer
mehr und mehr zum Durchbruche und zu
berechtigter Geltung. England, Belgien
und Frankreich, die in der Glasmalerei
Deutschland vorausgeeilt, verwenden in
allen ihren bessern Repräsentanten aus-
schließlich das Kathedralglas. Wahr ist
allerdings, daß die Arbeit des Glasers viel
mühsamer und kostspieliger, daß man stär-
keres Blei und mehr Zinn braucht, Um-
stände aber, die nur durch Erhöhung der
Solidität den Bestellern angenehm sein
können. Dagegen vereinfachen sich die
Leistungen des Glasmalers und geschieht
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