Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 76
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Heiden ausgesetzt wurden; selbst die Kate-
chumenen erhielten, so lange sie sich nicht
erprobt und bewährt hatten, nur einen all-
gemeinen, einleitenden Vornnterricht. Des-
halb sind die Glasgemälde in den Kata-
komben nicht einfach darstellend, sondern
sie haben einen ganz anderen, tieferen
Sinn, als er für den oberflächlichen Be-
obachter zu Tage tritt. Sie sind das
symbolische Gewand, welches den ihnen zu
Grunde liegenden Gedanken für das pro-
fane Auge verhüllte. Nur das christliche
Auge kannte deren wahre Bedeutung und
schöpfte aus ihnen Erhebung und Er-
bauung.

Aber auch nachdem die Kirche der Noth-
wendigkeit der Geheimhaltung ihrer Lehren
enthoben war, und nachdem die Kunst
setzt, gestützt auf die hl. Schrift, historische
Vorgänge einfach darstellen konnte, behielt
sie doch daneben die symbolische Darstellung
bei; aber dieselbe nahm jetzt mehr eine
t y p o l o g i s ch e Richtung, welche Momente
ans der Geschichte des Neuen Testamentes
in Verbindung setzt mit ihren Vorbildern
und prophetischen Ankündigungen im Alten
Testament. Die Kirche selbst wurde die
Lehrerin auch dieser Kunstrichtung durch
die Approbation der Lauretauischen Litanei,
welche eine Reihe von Bildern aus dem
Alten Testament auf die hl. Jungfrau an-
weudet, welche Bilder uns daun in der
verschiedensten Verwendung, besonders als
Glasgemälde begegnen.

Damit war nun aber der frommen Be-
trachtung eine weite Bahn geöffnet, und
die Phantasie der Künstler schuf nun,
namentlich in Beziehung auf die hl. Jung-
frau , auch eine Reihe von Symbolen,
welche nur Sinnbilder, nicht aber
in der hl. Schrift begründete Vorbilder
find. Häufig wurden sie von einem kurzen
M o t t o begleitet, welches sich stets durch
eine gnomeuartige Prägnanz und Präzision
auszeichuet.

Uebrigeus findet mau Sinnbilder und
Vorbilder häufig neben einander, letztere
gewöhnlich mit dem Citat aus der heiligen
Schrift.

Aus den B a mb e r g e r K i r ch e n habe
ich nun eine Reihe solcher symbolischen
und typischen Malereien gesammelt und
im Nachfolgenden zusammengestellt. Sie
mögen zum Beweise dienen, daß selbst in

einer Zeit, wo die Kunst einigermaßen
degenerirt war, doch der christliche Geist
nicht aus ihr gewichen ist, und daß man
sich nicht mit dekorativem Schmuck der
Kirche begnügte, sondern in dem Schmuck
stets einen christlichen Gedanken zum Aus-
druck zu bringen strebte. Manche dieser
Darstellungen mag auch jetzt noch Ver-
werthuug und Nachahmung finden.

Die erste Anregung zu dieser Anwendung
von Sinnbildern scheinen die Gemälde des
Bamberger Hofmalers Veit Conrad (Kun-
rath, Kohnrath, Cunrad) gewesen zu sein.
Derselbe war besonders thätig für die Kirche
St. Getreu (S. Fides), welche 1124 vom
hl. Otto erbaut und am 25. Mai 1137
dem uahegelegeneu Benediktinerkloster St.
Michael inkorporirt wurde. Die Cella war
zufolge der Stiftung für 7 Mönche
(Fratres) und 2 Laienbrüder (Conversi)
bestimmt; in der Folge wohnte aber meistens
nur ein Propst dort. Für diese Kirche
malte Veit Conrad von 1618 bis 1626
mehrere Bilder, u. a. die Prophezeiungen
der zwölf Sibyllen — Brustbilder auf
Holz I, welche bei dem Umbau der Kirche
(1730) oder bei der Säkularisation ent-
fernt wurden. Ihm werden auch die
riesigen, auf Holz gemalten Gedenkblätter
zugeschrieben* 2), welche sich an den Wänden
der Seitenkapellen befinden.

Dieselben sind alle durch schmale Holz-
leisten in neun Felder eingetheilt. Das
größte in der Mitte stellt eine Szene aus
dem Leiden des Herrn dar, die vier Ob-
longe, welche dasselbe umgeben, enthalten
eine vorbildliche Handlung aus dem Alten
Testament, zwei: Propheten oder andere
typische Personen, das vierte die Dedikations-
inschrift. Die vier Quadrate in den Ecken
endlich enthalten Symbole:

1) Das erste Bild: Jesus wird zum
Tode verurtheilt.

Eine Gestalt mit gebundenen Armen auf
einem Thron: Nolens volens.

Zwei Hände über einem Waschbecken:
Innoeens.

Eine Muschel im Meere: Ejicit ipsa
parens.

Eine Trauerweide: blnrbra §ravis.

0 Jack, Leben und Wirken der Künstler Bam-
bergs. Erlangen 1821, p. 24.

2) Heller, Taschenbuch von Bamberg. Bbg.
1831, p. 40.
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