Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 82
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und Unharmonie und Verschwommenheit in
die Farbe kommen. Schon die vorhandenen,
unentbehrlichen Eisenstangen und bei größern
getheilten Fenstern deren Steinpfosten be-
dingen besondere Gesetze für Glasmalerei-
entwürfe. Der Kartonzeichner hat vor
allem nach ihnen sich zu richten. Er soll
nicht Darstellungen entwerfen, welche gar
keine Rücksicht auf die Eisenstangen und
Fensterpfosten nehmen ltnb dann von diesen
rücksichtslos durchschnitten werden. Hat je
eine Komposition zwei oder drei Abtheilun-
gen eines Fensters einzunehmen, so soll
schon der Kartonzeichner sie so entwerfen,
daß je eine Abtheilung des Fensters einen
solchen Theil der Komposition anfnehme,
der möglichst ein Ganzes für sich bildet.

Auch dann, wenn dekorative Motive der
Architektur entnommen und etwa statt
Medaillonsbilder große, unter gothischen
Baldachinen stehende Figuren angewendet
werden, sollen diese Formen keineswegs
den Charakter des Steinbaues nach ahmen,
sondern die in Glas gemalte Architektur
erhebe sich lustig und leicht. Die einzelnen
Theile sollen in Form, Zusammenstellung
und Verhältniß nie behandelt werden, als
ob architektonisch konstruktive Rücksichten
und Nothwendigkeiten das Maßgebende
wären, sondern sollen nach dem Prinzip
der Flächenmalerei ausgebildet werden. Dem
Charakter einer Flächendekoration entspre-
chend sollten wir eine bloße Umrißzeichnnng
vor uns sehen und eine leichte Schattirung
in völlig konventioneller Art sollte nur da
angebracht sein, wo es die nothwendige
Verdeutlichung des Gegenstandes erfordert.
Die Färbung für diese Architekturen soll
sich total abweichend von jeder naturalisti-
schen Rücksichtsnahme nur aus den Erwä-
gungen ergeben, die für die Farbengebung
des ganzen Fensters überhaupt bestimmend
sind, d. h. ans den Gründen harmonischer
Vertheilung der Farben in Abwägung der-
selben gegen einander. Nach der älteren
üblichen Teppichweise sollen wir eine bloß
umrissene, bloß gefärbte Ausfüllung der
Fensterfläche sehen.

Hinsichtlich der Gesammtkomposition eines
Glasgemäldes ist ferner zu fordern, d a ß
Bild u n b Ornament als gleich-
berechtigt behandelt werden, wenn
der Teppichcharakter gewahrt bleiben soll;
keines soll über das andere dominiren, sei

es durch den großen Flächeninhalt, den
es einnimmt, sei es durch die Art und
Weise seiner Behandlung. Es wäre dieser
Forderung aber etwa nicht damit entsprochen,
wenn die eine Hälfte des Fensters mit
einem figurenreichen Entwurf, die andere
vollständig nur mit Ornament ausgefüllt
würde; die möglichst gleichmäßige
Vertheilung vielmehr von Figur
und Ornament geben am besten
ein T e p p i ch m u st e r.

Was die Figur selbst anbelangt, so ist
ihre Zeichnung durchaus nicht gleichgiltig.
Die Art und Weise dieser Zeichnung ist
bedingt durch die Verbleiung und die die-
selbe zusammenhaltenden Windeisen. Es
ist ein unbedingtes Ersorderniß des richtigen
Prinzips der Glasmalerei, daß in Folge
dessen oft von der ganz natürlichen, plasti-
schen Behandlung der Figuren abgesehen
und diese mehr ornamental gestaltet werden
müssen. Allerdings wird dadurch die Freiheit
des den Karton entwerfenden Künstlers
bedeutend beeinträchtigt, allein eine archi-
tektonische Regelmäßigkeit, welche einHaupt-
erforderniß für jedes stylvolle Bauwerk ist,
schließt unbedingt solche Farbenfenster aus,
die in's Kleinste detaillirte Zeichnungen und
schwungvolle Kompositionen zeigen. Freilich
sollte das Zeichnen der Entwürfe für ge-
malte Fenster besonders gelernt und geübt
sein. Die Uebung, nicht aber die Akademie
macht hier den Meister. Gerade deßhalb,
dünkt uns, weil so viele akademisch gebildete
Künstler heut zu Tage diese Entwürfe zu
Glasgemälden machen und solche theilweise
sie auch auf Glas übertragen, erhalten
diese Fensterbilder keinen monumentalen
Styl, sondern werden Tafelmalereien, aus-
geführt mit allen Mitteln der Oelmalerei,
mit allen Lichteffekten und bestimmten Per-
spektiven, mit landschaftlichen Hintergrün-
den u. s. w.'

Der frühere Glasmaler war H and-
werker; er machte selbst den Entwurf —
aber gewiß keinen so detaillirten wie unsere
Akademiker —, schnitt das Glas darnach,
zeichnete mit Schwarzloth das Nöthige
daraus, verbleite die Tafeln und hatte in
allen diesen Handtirungen eine solche Fertig-
keit, daß alles wie aus einem Gusse her-
gestellt wurde, und zwar mtt einer Kunst-
fertigkeit , die wir heute noch bewundern
müssen. Dadurch war er von selbst äuge-
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