Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 83
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wiesen, daß er nicht über sein Handwerk
hinauögieng, nicht Produkte der Kunst zu
liefern versuchte, die einerseits über sein
künstlerisches Können und seine Aufgabe
Hinausgiengen und gegen die sich anderer-
seits schon sein Material sträubte. Die in
dieser Hinsicht unübertrefflichen Zeichnungen
des 13. und 14. Jahrhunderts geben uns
hierin herrliche Beispiele. Ein in seiner
Art fast einziges, ausgezeichnet schönes
Beispiel sind die Glasgemälde im Chore
der ehemaligen Klosterkirche zu Königs-
feld en in der Schweiz, nahe bei Brugg,
an der Stelle, wo einstens die Römerstadt
Vindonissa stand. Die Glasgemälde, ur-
sprünglich 11 Fenster, von denen heute
noch 9 gut erhalten sind, wurden zwischen
1358 und 1364 vollendet. Sie gehören
in technischer Hinsicht jener ältern Behand-
lung an, welche mehr Glasmosaik als Glas-
malerei ist. Jede Scheibe zeigt nur einerlei
Farbe, in welche die Zeichnung und sogar
bis zu einem gewissen Grad schon die
Modellirung durch Schattenangabe mit
Schwarzloth ausgeführt ist. Man erkennt
aus diesen herrlichen Werken einen Meister,
der die Stylgesetze der Glasmalerei voll-
kommen beherrscht und der sich auch inner-
halb der Schranken, welche nun einmal
diese besondere Gattung der Malerei ver-
langt, mit hoher Freiheit zu bewegen weiß.

3) Eine Hauptbedingung für das Gelin-
gen der Glasmalerei liegt in der Wahl
und V e r t h e i l u n g der Farben, ja
die richtige Wahl und Vertheilnng der
Farben ist eigentlich das Erste und Wichtigste
bei dieser Kunst, denn bei Fenstergemälden
ist nicht das Sein, sondern der Schein
Alles. In dieser Hinsicht müssen hier be-
züglich der Farbenwirkung ganz andere
Gesetze zur Geltung gebracht werden, als
wenn man mit Leim- oder Wachsfarben
n. dgl. aus die Wand, oder auch, wenn
man aus opakes, undurchsichtiges Glas,
wie z. B. auf Glasgefässe malt; hier muß
die Wirkung der Farbe auf das aus-
fallende Licht berechnet werden. Anders
aber ist es beim Malen auf durchsichtige,
auf das durchfallende Licht berechnete
Glastafeln. Diese Durchsichtigkeit des Gla-
ses, oder vielmehr, wie beim Kathedralglas,
der Umstand, daß dieses Glas das Licht
in seiner eigenthümlichen Weise durch-
sch einen läßt, bedingt auch eine ganz

eigenartige Wiedergabe der Farbe, eine
eigenthümliche Strahlenwirkung, wie man
sagt. Alle Farben erscheinen nämlich hier
viel intensiver, reiner und leuchtender, viel
voller und glühender. Bei dem auffallen-
den Lichte haben eigentlich alle Farben
gleiche Kraft und Wirkung, je nachdem
man sie stark oder schwach aufträgt, beim
durchfallenden Lichte aber ist die Wirkung
der Farben verschieden: während die eine
sehr stark wirkt, ist die Wirkung der andern
ganz schwach. So kann z. B. auch eine
nur sehr kleine beleuchtete Stelle eines
Fensters in Folge der verschiedenen Strahlen-
wirkung der einzelnen Glasfarben eine
solche Mächtigkeit erlangen, daß dadurch
der harmonische Eindruck des Ganzen total
verändert oder zerstört wird. Die drei
einfachen Farben des Prisma sind: Blau,
Gelb und Roth. Blau hat eine ganz
überraschend mächtige, Roth eine sehr schlechte
und Gelb, wenn es mehr Orange ist, eine
äußerst geringe Strahlenwirkung. Wenn
wir uns z. B. ein weißes Kreuz in Roth
denken und in dessen Centrum eine blaue
Scheibe einsetzen, so wird das mächtig
strahlende Blau nicht allein die Bleilinien
verschwinden lassen, sondern auch iu einem
größeren Umfang alles in blauem Lichte
erscheinen lassen. Folglich wird aus Roth
Violett, aus Weiß Hellblau und somit
geht die ganze Zeichnung des Musters ver-
loren. Den Umstand, daß nicht jede Farbe
das Licht in gleicher Weife durchscheinen
läßt, sondern daß eine Farbe die andere
förmlich aussticht, nennt man optisch die
Irradiation der Farben.

Es ist darum eine Hauptbedingung eines
geschickten Glasmalers, mit dem Blau richtig
umgehen zu können. Blau ist gleichsam
die Basis der Farbengebung, das Licht in
der Glasmalerei, und es wird jegliche Glas-
malerei ohne Blau geradezu matt wirken,
während durch Ersetzung einiger Glas-
scheiben durch Blau sofort ein harmonischer,
gefälliger Effekt erzielt wird.

Schon aus diesem Grunde, wie wir ihn
in der Verschiedenheit der Strahlenwirkung
der einzelnen Farben erkannt haben, verstößt
es gegen die Prinzipien unserer Kunst,
wenn man in die Fenster natürlich malerische
Bilder mit Anordnung iu die Tiefe und
fernen Hintergründen setzt, wenn man sie
sogar der sogenannten Luftperspektive unter-
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