Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 87
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sie schaute und daß der Maler diese Mauern
nur für eine in einem weniger bequemen
Atelier, als das seinige, aufgespannte Lein-
wand betrachtete und daß er sich nicht
weiter darum bekümmerte, was sich in der
Umgebung seines Gemäldes befinde. So
hat man die dekorative Malerei während
des Mittelalters nicht aufgefaßt, ja nicht
einmal während der Renaissance; und als
Michel Angelo das Gewölbe der sixtinischen
Kapelle malte, stellte er sich nicht auf sich,
war er sich des Orts bewußt, wo er malte,
und der Gesammtwirkung, die er erzielen
wollte. Daraus, daß man ans eine Mauer
statt der Leinwand malt, folgt nicht, daß
das Werk eine Monumentmalerei sei, und
fast alle in unserer Zeit ansgesührten Wand-
gemälde sind trotz des Unterschieds des
Verfahrens immer nur Tafelmalerei; auch
sehen wir immer, daß diese Gemälde eine
Umrahmung vermissen, daß sie sich in Szenen
gruppiren, deren jede einen andern Augen-
punkt, eine andere Perspektive hat, oder
daß sie sich in ihrer Reihenfolge in zwei
horizontalen Linien entfalten. So sind
weder die alten Meister der Mosaik (im
Orient) noch die occidentalen Maler des
Mittelalters verfahren. In Bezug ans
Ornamentmalerei dienen heutzutage der Zu-
fall, der Instinkt, die Imitation als
alleinige Führer, und neun ans zehnmal
wäre es schwer, zu sagen, warum dieses
Ornament gerade diese Form hat und keine
andere, warum es roth ist und nicht blau.
Man hat das, was man Geschmack nennt,
und das genügt — so glaubt man —, um
das Innere eines Kirchenschiffes mit Male-
reien zu zieren, oder man sammelt wohl
auch überall einzelne Theile von Malereien
und wendet sie unterschiedslos an, das
eine, welches auf einer Säule war, ans
einer ebenen Mauersläche, das andere, wel-
ches man in einem Giebelfeld sah, aus einem
Sockel. Das Publikum, erschreckt von dieser
Art von Malerei, findet sie von keiner
guten Wirkung; allein man zeigt ihm, daß
die Dekorationsmaler des Mittelalters zu
ängstlich bera.then gewesen feien, und das-
selbe Publikum schließt daraus, daß sie
Barbaren waren, was man ihm auch sehr
gern zugibt." (Viollet. le Duc, Dictio-
naire de l’architecture frangaise, VII. 57
und 58.) (Fortsetzung folgt.)

Lin altes Manuskript.

Zllr historia B. Mariae Virginis.

Unter den xylographischen Erzeugnissen
des Mittelalters befindet sich auch eines,
welches unter dem ihm beigelegten Namen
»historia Beatae Mariae Virginis« be-
kannt ist. Seiner Behandlung nach bildet
es ein Seitenstück zu der sog. Biblia
Bauperuni, nur ist es inhaltlich viel be-
schränkter. Daß es aber im Mittelalter
auch Erzeugnisse gab, welche das Leben
der sel. Jungfrau Maria vollinhaltlich
ganz nach Art der Biblia Bauperuni be-
handelten, beweist ein sehr interessantes
und seltenes Bruchstück eines Manuskriptes,
welches sich im Besitz der Antiquariats-
handlung von I. Heß in Ellwangen be-
findet. Seinem äußern Bestand nach zählt
es zwei zusammenhängende Pergament-
blätter in klein Folio, je 309 Millimeter-
hoch und 277 Millimeter breit. Der Bogen
wurde leider zur Buchdecke mißbraucht und
hat durch die dabei gemachten Einschnitte
gelitten; auf der Außenseite ist aus dem-
selben Grunde der Text theilweise schwerer
lesbar geworden. Inhaltlich behandelt es
seinen Stoff durch Bilder und Text. Von
späterer Hand und offenbar von Jemand,
der noch das ganze Werk unversehrt besaß,
ist auf der ersten Seite der Zusatz „4. 1",
ans der zweiten „Cap. VI", auf der vierten
„Eap. VII". Hienach giengen drei Bogen
mit fünf Kapiteln mit Darstellungen ans
dem Leben der sel. Jungfrau voraus. Da
das VI. die Vermählung Maria mit dem
hl. Joseph, das VII. die Verkündigung
darstellt, so müssen sich die ersten fünf
Darstellungen auf die Vorgeschichte und
Kindheit der hl. Jungfrau bezogen haben,
beginnend etwa mit den legendarisch über-
lieferten Visionen Joachinüs und Anna's,
der Begegnung an der goldenen Pforte,
der Geburt und der Opferung Mariä im
Tempel. Aus dieser Ausführlichkeit läßt
sich ein Schluß auf die weitere Behand-
lung ziehen. Die Vermählung Mariä ist
folgendermaßen behandelt: die inneren zwei
Seiten des Bogens (dieselben, welche die
äußeren Seiten der Buchdecke bildeten)
geben auf 118 Millimeter von der ganzen
Höhe vier kolorirte bildliche Darstellungen,
je zwei auf einer Seite und je 80—95 Milli-
meter breit. Die erste zeigt die geschichtliche
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