Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

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Archiv für christliche Nunst.

Organ des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Kunst.

Eerausgegeben und redigirt von Dr. Fr. g. Schwarz in Lllwangen.

Verlag des Rottenburger Diözefan-Kunstvereins, für denselben: der Vorstand Dr. Fr. I. Schwarz.

Lr. ii.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährl. für M. 1. 35 durch die württemb. (M. i. 20
im Stuttg. Bcstellbczirk), M. 1. 50 durch die bayerischen und die Rcichspostanstaltcn,
Fres. 2. 50 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden auch angcnomnicn von
allen Buchhandlungen, sowie direkt von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in
Stuttgart, Militärstr. 2N, zum Preise von M. 1. 35 halbjährlich.

1884.

Monumentale Malerei.

(Fortsetzung.)

Es ist also unwidersprechlich: d i e Monn-
mentmalerei ist ein Theil der Kunst
der Ar ch i t e k t u r. Daraus folgt aber
nicht, daß der Architekt als solcher schon
befähigt ist, zu malen oder die Malerei
ausschließlich zu dirigiren. Das wäre sogar
gefährlich, so lange noch die unselige Tren-
nung der beiden Gattungen der bildenden
Kunst, Architektur und Malerei, besteht
und die Anschauungen noch vielfach von
einem gewissen puristischen Vorurtheil be-
herrscht werden, als ob die dekorative Malerei
die Werke der Architektur beeinträchtige,
wie man dies auch von der Bemalung der
plastischen Gebilde so lange geglaubt hat
und noch glaubt. Glücklicherweise führt
die Kunstgeschichte manche Namen auf, welche
Meister beider Künste waren und sich durch
dekorative Monumentalmalerei nicht minder
als durch ihre Bauwerke ausgezeichnet haben,
unter andern Orcagna, Verrochio, Romano,
Peruzzi, Raphael und Michelangelo, der
nicht bloß, wie die genannten, Architekt und
Maler,sondern auch ein gleichberühmter Bild-
hauer war. Möge selbst der Architekt wenig-
stens so viel Liebe zur Malerei besitzen,
um sie mit Freude in seinen Dienst zu
nehmen, und so viel Verständniß derselben,
um dem seinem Bauwerk dienenden Maler
entgegenzukommen und den der Monumental-
malerei eigenen Gesetzen und ihrer Befol-
gung kein Hinderniß in den Weg zu legen,
einzig besorgt, daß einer isolirten, unab-
hängigen Staffelei-Malkunst die Thore der
Baudenkmale verschlossen bleiben. Eben
so wahr ist, daß der Maler kein Architekt
vom Fach zu sein braucht, aber er muß die
Architektur wenigstens verstehen, die kon-
struktiven Regeln und die Bedeutung der
einzelnen Konstruktionstheile, nicht weniger
auch die Stylarten und die Formen kennen,

welche jede derselben den verschiedenen
Baugliedern gibt. Dies ist der Weg,
auf welchem die beiden Künste sich zu
harmonischem Zusammenwirken auf dem
monumentalen Gebiete wiederfinden werden,
nicht zum Schaden, sondern zum Ruhme
beider. Man thnt demnach nicht gut, die Aus-
führung eines künstlerischen Baudenkmals
einem Baumeister zu übergeben, welcher
der Vollendung desselben durch malerischen
Schmuck grundsätzlich entgegen ist oder sie
nur in ungehöriger Art zuläßt. Noch
viel weniger rathsam ist es aber, die Aus-
schmückung mir Bildwerk und Ornament
dem nächsten besten Maler zu überlassen.
Begabung und Schule, oder, wenn keine
durchgreifende akademische Bildung zur Seite
ist, ein bedeutendes Talent mit eigener
Schulung sind unerläßliche Vorbedin-
gung. Wir wiederholen, was wir gleich
Eingangs unserer Darstellung ausgesprochen
haben, daß, wie ein kirchliches Bauwerk
in seiner ganzen Konstruktion und in den
einzelnen Theilen, so auch die malerische De-
koration künstlerisch gedacht und ansgeführt
sein muß, daß beide Werke Sache der Kunst
und nicht des bloßen Handwerks sind. Wie
sehr ist bis in die neueste Zeit hiegegeu
gefehlt worden! Uns sind ehemalige Zimmer-
maler bekannt, die bei guter Gelegenheit
eine große Masse von Schablonen mit einem
Trinkgeld erkauften und damit manches
Lustrum hindurch Kirchen malten, je nach
Größe und Bedarf die Muster auswählend
und verwendend; Leute, die vom Tüncher-
handwerk kühn den Sprung in das Gebiet
der Kunst wagten, ohne Talent, ohne Schule
und ohne Erfahrung. Lasse man ab von
solchen Wegen; sie sind nicht geeignet,
widerstrebende Elemente vom Fach der Archi-
tektur zu versöhnen. Stelle man ihnen
ebenbürtige Kräfte zur Seite: je gewissen-
hafter und konsequenter man hierin ver-
fährt, desto bälder wird sich die Wieder-
vereinigung der so lange zum Schaden
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