Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

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beider und des Publikums getrennten Schwe-
sterkünste vollziehen.

Welchen Weg soll man nun gehen, um
die Umkehr schnell und sicher zu bewerk-
stelligen^ ohne Gefahr zu laufen, sich in
neuen Jrrgäugen zu verlieren? Schon die
Thatsache, daß sich die Trennung der
Architektur und Malerei hauptsächlich durch
Schuld der letztern erst vor ungefähr 300
Jahren vollzog, gibt uns den Fingerzeig,
daß man an die Kuusttradition vom An-
fang des 16. Jahrhunderts an und rück-
wärts, an ihre Gesetze und Gepflogenheiten
anknüpfen muß. Weuu uud so lange man
bei Neubildungen oder Restaurationen die
Prinzipien beobachtet, welche für roma-
nische Kirchen in der Zeit dieses Styls,
für gothische in der Zeit der Gothik, für
neuere in der Zeit der italienischen Früh-
Renaissance streng eiugehalten wurden, hat
man festen Boden unter sich und die Bürg-
schaft, welche die Erfahrung vieler Jahr-
hunderte und der gute Geschmack zahlloser
praktischer Meister bietet, für, und jeden-
falls nicht gegen sich. Reißt man diesen
Faden entzwei und folgt dem eigenen Gut-
dünken , so betritt man ein Versuchsseld,
dessen Produkte von der nächsten, besser
iuformirten Generation wieder vernichtet
und mit bessern vertauscht werden. Auch
dafür liefert die neueste Geschichte genü-
gende Beweise. König Ludwig I. von
Bayern hat von seinen italienischen Reisen
eine große Begeisterung für die Antike
und kaum weniger für die Bauweise der
altrömischen Kirchen mitgebracht. Die Ba-
silika des hl. Bouisazius in München ist
eine Imitation der letztern. Für sie sind
Malereien und Farben auch in der puri-
stischen Neuzeit nicht zu umgehen gewesen,
die Vorbilder verlangten es so. Was hier
und den ähnlichen Schöpfungen der St.
Ludwigs- und Allerheiligenkirche rühmlich
geschehen ist, weckte den Farbensinn und
ein gewisses Gefallen an malerischer De-
koration. Von München aus ist in dieser
Richtung eine Zeit lang Manches geschehen
und gerade am meisten für gewöhnliche
Verhältnisse. Dekorationsmaler, wie z. B.
Schwarzmann, haben eine Zeit lang einen
gewissen Ruf genossen. Gewiß, sie haben
im gewissen Sinne ein Verdienst; aber
von ihren Arbeiten existireu nur mehr
wenige. Es mußte auch so kommen, denn

was damit in die Kirche übertragen wurde,
ist kaum mehr, als eine moderne Zimmer-
dekoration. Symbole, Allegorien, typische
und historische Vorbilder blieben entweder
wegen der beschränkten Mittel ausgeschlossen
oder wurden von der nüchternen Anschau-
ung unliebsam behandelt. Damit war die
Seele der kirchlichen Malerei gewichen.
Der Styl, in welchem das alles ausge-
führt wurde, war wenig ausgeprägt, weder
romanisch noch Renaissance. Wir sind weit
entfernt, Vorwürfe zu machen, wir wollen
nur konstatireu, daß der Versuch mißlang,
weil man sich nicht einfach auf den Boden
der alten Kunst stellte, oder Mangels ein-
gäuglicher Kenntnis; desselben nicht stellen
konnte. Jeder Versuch ähnlicher Art wird
heute und immer das gleiche Schicksal ha-
ben. Als zweite Grundregel müssen wir
also den Satz aufstellen:

B a u m e i st er und Maler ha b e n
sich zur Sicherung des Unterneh-
mens der dekorativen Malerei des
kirchlichen Bauwerks je nach des-
sen Styl auf den Boden der alten
christlichen Mo n umental - Maler ei
zu stellen und dürfen nur auf die-
sem sowohl ihre Individualität
als auch die wahren u n d wirk-
liche:: Fortschritte der N e u z e i t
zur G e l t u n g bringe n.

Es gehören allerdings die nöthigen Hilfs-
mittel dazu, um sich die Kenntniß der alten
Kunst zu verschaffen. Aber sie sind jetzt
so allgemein und populär geworden, daß
man an jeden ausübenden Meister die
Forderung stellen kann, sich dieselben zu
erwerben und geistig zu eigen zu machen.
Wer über hinreichendes künstlerisches Ta-
lent und Schulung verfügt, wird bald im
Stande sein, ganz in demselben Geiste neue
Gebilde zu finden und alle Einzelheiten
schön zu komponiren.

Aber wir können nicht umhin, ein Mo-
ment in dieser Grundregel noch besonders
zu betonen. In neuester Zeit mehren sich
allerdings die Fälle der dekorativen Ma-
lerei. Nicht wenig sind sie durch die große
Zahl fast durchaus untergeordneter Kräfte
gefördert worden. Mit Vorliebe drängen
sich dieselben vom Gebiet der profanen
Zimmermalerei in die Arbeit für die Kir-
chen. Bilder zu zeichnen und zu malen,
und zwar künstlerisch, sind sie nicht fähig,
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