Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

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die ganze Arbeit wollen sie der Direktion
eines, der historischen und dekorativen Ma-
lerei kundigen, Meisters nicht gern unter-
werfen — also wird die ganze Kirche
mit Dekoration im engern Sinne gemalt.
Manchmal geschieht Aehnliches auch aus
puristischen Beweggründen, aus einer Ab-
neigung gegen die Monumentalmalerei, die
sich dann begnügen muß, einige Kapitäl-
oder Gesimsglieder, Gewölberippen oder
etwa noch Gewölbeselder zu zieren. Es
ist das sehr bedauerlich, besonders wenn
es aus Grundsatz geschieht. Denn dadurch
wird der Blüte der dekorativen Monn-
mentalmalerei, dem schönsten Schmuck der
Kirche, der symbolischen, typischen und
historischen Malerei das Thor verschlossen.
Sie soll, wenn es der Bau der
Kirche nicht zum voraus u n m ö g-
l i ch macht, niemals ganz fehlen.
In der Blütezeit der Monumentalmalerei
haben sich die Bilder- und die Dekorations-
malerei im engern Sinne vereinigt, um
mit dieser die Bauglieder zu heben und
den Bilderflächen eine schöne, in das Ganze
harmonisch sich einfügende Umrahmung zu
schassen, zu schweigen von den Fällen, in
welchen verschiedene Marmorarten die Stelle
künstlicher Farben vertraten. Wie im Dom
zu Braunschweig die (um das Jahr 1200
und früher entstandene) Malerei sich über
die ganze Kirche, Chor, Vierung, Quer-,
Mittel- und Seitenschiffe ausdehnte, so
auch in der von Giotto gemalten Kirche
Maria in Arena zu Padua, der Unter-
kirche des hl. Franziskus in Assisi, sowie
in der Oberkirche ebendaselbst, nicht un-
wahrscheinlich ebenfalls von Giotto aus-
gesührt. Nicht anders verfuhr in der Zeit
der Renaissance Fiesole in der kleinen päpst-
lichen Hauskapelle im Vatikan, welche Ni-
kolaus V. zu Ehren des hl. Laurentius
errichtete und durch Fra Angelico im Jahre
1447 malerisch schmücken ließ. Alle Wände
und Gewölbefelder sind bemalt, jene mit
der Geschichte der hl. Erzdiakone Stepha-
nus und Laurentius und den Bildern des
hl. Thomas von Aqnin, Bonaventura, Atha-
nasius und Chrysostomus, diese mit den
der vier Evangelisten. Von dieser Kapelle
aus tritt man in die berühmten Stanzen
Raphaels ein, welche, ganz im Geiste der
kirchlichen Monumentalmalerei gehalten, hier
wohl genannt werden dürfen und ein wah-

res Muster für Behandlung der bloß de-
korativen Parthieen der Architektur und
ihrer Verbindung mit den sigurativen Dar-
stellungen bilden. Die Sixtinische Kapelle
hat neben ihren berühmten, von Perugino
(1446—1524), Botticelli (1447—1510),
Dominikus Ghirlandajo (1449—1494),
Signorelli (1441—1523), Fra Angelico
von Fiesole (1387—1455), Michel Angelo
und andern herrührenden Wandgemälden
dekorative Malerei auch an den architek-
tonischen Gliedern (Pilastern), an der
Decke, sowie Teppiche an den untern
Wandflächen. Die hl. Kapelle in Paris
war ganz gemalt und ist nach den vor-
handenen Resten in Form und Farbe in
neuerer Zeit restaurirt worden. Die ro-
manischen Malereien im Baptisterium von
St. Gereon in Köln beweisen gleichfalls,
daß nicht bloß Bilder auf die Wand ge-
malt, sondern auch alle Bauglieder male-
risch behandelt wurden. Und so wurde es
auch bei ganz einfachen und verhaltniß-
mäßig armen Kirchen gehalten, zum Be-
weise , daß diese Praxis aus Gesetz und
Regel beruht. Von der alten, im Jahre
1859 abgebrannten Kirche des Dorfes
Treffelhausen ans der schwäbischen Alb
war zur Zeit der Katastrophe nur uoch
der Chor übrig, das Schiff war neueren
Ursprungs. Dieser alte Chor war durch-
aus bemalt. Zuerst flach gedeckt, erhielt
er erst in der gothischen Zeit ein Gewölbe.
Bei diesem Anlaß wurden die an den
Wandslächen über dem Gewölbe ange-
brachten Wandgemälde, die Lebensgeschichte
des hl. Vitus, Patrons der Kirche, an
den Flächen unterhalb des Gewölbes ge-
nau nach den obern copirt. Die obern Ori-
ginale wurden erst nach Abbruch des Gewölbes
entdeckt. Sogar die Fensterleibungen waren
mit Bildern geschmückt. In dem gothischen
Chorgewölbe fanden sich sogar zwei Schichten
von Malereien, in den Rippen- und Ge-
wölbekappen, die jüngste aus der Zopfzeit,
die untere gothisch. Doch genug; es kommt
hier nicht auf die Masse von Beispielen
an, wie wir sie im geschichtlichen Theil
aufführen mußten und hier wiederholen
könnten. Bei den Alten stand fest, was
wir als dritte Grundregel der Monumental-
Malerei hier verzeichnen:

Du e dekorative M a l e re i der
kirchlichen M o n u m e n t e umfaßt
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