Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 93
DOI Heft: 10.11588/diglit.15860.55
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15860.57
DOI Seite: 10.11588/diglit.15860#0097
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1884/0097
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
93

Seite aus an das Licht getreten ist, bei
den kirchlichen Bauherrn und dem hoch-
würdigen Pfarrklerus einem viel größeren
Vertrauen und Glauben begegnet. Auch
das fängt an, sich zum Bessern zu wenden,
sofern allmälig auch angesehene und wissen-
schaftliche Stimmen sich in demselben Sinne
vernehmen lassen und unbestritten große Mei-
ster der Kunst in derselben Richtung thätig
sind. Wir hatten die nachfolgenden Zeilen
schon geschrieben, als uns das erste Oktober-
Heft der „Historisch-politischen Blätter" und
darin der Artikel: „Die polychrome Aus-
schmückung des Kaiserdoms in Frankfurt"
zu Händen kam. Da treten unangefochtene
Kämpfer in die Reihen: Steinle, Linne-
mann, die historisch-politischen Blätter. „In
Meister Edw. von Steinle, der gerade mit
den Arbeiten in: Straßburger Münster-
fertig geworden, dorten gezeigt hatte, daß
er sowohl die Eigenart eines Baustyls und
die Superiorität des Baues selbst über die
Ausschmückung empfinde, als auch, daß ihm
das Geheimniß des Styls der monumentalen
Malerei, wie keinem seiner großen Zeitgenos-
sen, erschlossen ist, fand sich der Maler für den
sigurativen Theil. Zur Ausführung der
architektonischen Ausmalung hatte man in
Architekt Linnemann einen mit großer
Phantasie, tüchtiger Kenntniß und ebenso
großer Liebe zu seiner Kunst, der Archi-
tektur , ausgestatteten Künstler gefunden,
der mit allen diesen Eigenschaften begabt,
aber weil er Architekt ist und zuerst Archi-
tekt ist, gewiß nicht darauf ausgehen konnte,
die Architektur ,todtmalcrll zu lassen."
(S. 497.) Dazu noch ein Organ wie die
gelben Blätter! „Nun — der Streit (zwi-
schen den Verfechtern der ,erhabenen Ein-
fachheit) dem ,eleganten Steinschnitt") ist
entschieden, und entschieden zu Gunsten der
Polychromisten." (S. 495.) Bessere Eides-
helfer könnten wir uns ja kaum wünschen.
Auf sie auch gründen wir die Hoffnung,
daß damit manches Vorurtheil gegen die
dekorative Malerei, gegen diejenige nämlich,
welche und wie sie das „Archiv" vertritt,
erlöschen und mancher die Thatkraft läh-
mende Zweifel gehoben wird. Ans gutem
Glauben, aber doch solchen Vorurtheilen
und Zweifeln ist mancher Tadel gegen die
bis daher erstandenen neueren Werke der
monumentalen Malerei anfgestiegen. Wir
dürfen wohl auch hosfeu, daß er gelinder

und vorsichtiger wird, daß also auch dieses
Hemmniß, welches so viele gute Entschlüsse
in dein Herzen Anderer erstickt hat, mehr
und mehr schwindet.

Kehren wir jedoch nach dieser Abschwei-
fung nach Mehreran zurück. Der kunst-
sinnige Abt und Konvent haben ihr Ver-
trauen einem freilich unbekannten Maler,
Fr. 3£. Kolb in Ellwangen, geschenkt. Sie
wußten von ihm nur, daß er schon seit dem
Jahre 1866 die bloße Staffelei-Malerei
verlassen und sich dem Studium der alten
Monumental-Malerei und der Architektur
mit Vorliebe und Begeisterung gewidmet,
seit dieser Zeit viele Kirchen mit stets
wachsendem Eindringen in die alte Kunst
und zunehmender Vollendung malerisch
dekorirt, zuletzt auch in der Nähe von
Mehreran die bischöfliche Kirche in Feld-
kirch — mit Ausnahme der Stationen-
bilder — ebenso ausgestattet hatte. Jedoch
war ihnen diese Bürgschaft genug. Und ihr
Vertrauen ist nicht getäuscht worden. Kolb
hat die Riesenaufgabe der Schöpfung von
mehr als 130 Gemälden, deren größtes
7 Meter breit und 4 Meter hoch ist, ne-
ben kleinern, unabweisbaren Aufträgen in
der eigenen Heimat, z. B. in der Wall-
fahrtskirche ans dem Dreisaltigkeitsberge
bei Spaichingen, für deren Ausführung
ihm die volle Anerkennung des Oberhirten
der Diözese zu Theil wurde, in der kurzen
Zeit von vier Sommern ganz allein und
ohne jegliche Beihilfe bewältigt. Wäre er
nicht ebenso gewandt im Zeichnen, wie er-
findungsreich im Komponiren, erfahren in
der Technik, ausgestattet mit feinem Ge-
fühl für Farbenharmonie, so wäre eine
solche Leistung eine Unmöglichkeit. Dazu
kommt, daß er gerade in der monumentalen
Malerei allmälig zu den Veteranen ge-
hört, auch sie nicht bloß so nebenbei be-
treibt, sondern sie zu seinem eigentlichen
Berufe gemacht hat, der die Architektur
und alle Style kennt und versteht, sie auch
nicht „todtmalt", sondern hebt, ihren Män-
geln nachhilft und architektonische Mißver-
hältnisse ausgleicht, wo es nöthig ist. Alle
diese Eigenschaften hat er in der Mehreran
in hervorragender Weise bethätigt.

Doch stünde sein Werk sehr isolirt da,
wenn er nicht für die Bemalung der archi-
tektonischen Theile einen gleichgesinnten und
in der Dekoration gleichgeübten Genossen,
loading ...