Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 96
DOI Heft: 10.11588/diglit.15860.55
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15860.57
DOI Seite: 10.11588/diglit.15860#0100
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1884/0100
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
96

wurden die Bücher in die offenen Keller-
räume geworfen und die Bibliothek in ein
Tanzlokal verwandelt. Später wurden sie
zum größten Theil von den Bewohnern der
Umgegend weggetragen oder in großen
Haufen verbrannt. Das Klostergebände
kam um Spottpreise in Privathände, die
Kirche wurde auf den Abbruch verkauft,
das Baumaterial zum Hafenbau in Lindau
verwendet. Was von den Oekonomiege-
bänden noch übrig war, gieng im Jahre
1839 in Flammen auf. Auf der Brand-
stätte wuchs wildes Gestrüpp. Auf der
Stelle, wo die Kirche gestanden, lag klafter-
hoher Bauschutt. Die Klostergebäude, feit
der Aufhebung fast nutz- und ertragslos,
darum vernachlässigt und wie herrenloses
Gut beschädigt, ausgeraubt und den Un-
bilden der Witterung preisgegeben, bargen
außer den Mauern kaum einen Bautheil,
der nicht gründlicher Reparatur bedürftig
gewesen wäre. So standen die Sachen,
als Leopold, Abt des am 13. Jan. 1841
staatlich aufgehobenen und am 28. Januar
unter Aufgebot von militärischer Macht
aus seinen Mauern vertriebenen Cister-
zienserstifts Wettingen im Kanton Aargau
die Klostergebäude nebst einigen um die-
selben liegenden Gütern am 28. März 1854
um die Summe von 48 000 fl. ö. W.
käuflich erwarb. Oesterreichs gerechter und
gütiger Kaiser hatte ihm freudig die Auf-
nahme gewährt. Am Tage des hl. Lukas,
den 28. Oktober desselben Jahres, nahm
der Abt und Konvent von Wettingen von
dem neuen Kloster Besitz. Von allen Mit-
teln entblößt waren sie ans Wettingen ge-
stoßen worden, mehr als 13 Jahre hatten
sie in der Verbannung zugebracht und nun
standen sie vor diesen Ruinen mit der
schweren Aufgabe, „das Heiligthum wieder-
herzuftellen und zu erneuern", die Kirche
aber ganz neu zu erbauen. Der Appell
an die Barmherzigkeit war nicht vergeblich:
schon am 7. August 1859 konnte die neue
Kirche eingeweiht und mit der ersten leid-
lichen Einrichtung dem Gebrauch übergeben
werden.

Die Klosterkirche ist nach dem Ent-
wurf des Bauraths v. Riedel in München
ausgeführt worden. Der Grundriß der
alten Kirche mußte beibehalten werden,
wollte man nicht in die Nothwendigkeit
versetzt werden, in den sumpfigen Grund

der Bodensee-Ufer einen ganzen Wald von
Stämmen zur Gewinnung eines festen
Fundaments einzurammen. Eine Abmachung
betreffs des Styls der neuen Kirche zwischen
Bauherrn und Baumeister scheint nicht vor-
ausgegangen zu sein. Von kompetenter
Seite erfahren wir, daß sich der letztere
die Ludwigskirche in München zum Muster
genommen habe. Dies kann sich aber höch-
stens auf einzelne Formen beziehen; denn
in den wesentlichen Elementen des Grund-
und Aufrisses disferiren beide Monumente
namhaft. Der Styl ist das, was man
eine Zeit lang romanischen Styl nannte,
wohl auch unter der Benennung Rund-
bogenstyl begriff oder noch begreift, mit
vielen an die Renaissance oder vielmehr
die Antike streifenden dekorativen Formen.
Wir konnten diese Charakterisirung nicht
unterdrücken, weil der geschilderte Charakter
der Kirche bei Feststellung des Plans der
innern Restauration, der monumentalen
Malerei insbesondere von bestimmendem
Einfluß war. Wir müssen jedoch den Bau
näher beschreiben, beschränken uns aber auf
das der Restauration und Umänderung
allein unterworfene Innere.

2. Die Kir ch e, Grund- und Auf-
riß, ihr Charakter.

Den Baugrund bildet das an dieser
Stelle bis zum Einfluß des Rheins flache
und daher sumpfige Uferland des Boden-
sees. Nur mit Aufwand sehr beträchtlicher,
unter den oben geschilderten Verhältnissen
kaum zu erschwingenden Kosten wäre die
Herstellung eines neuen Rostes für die
Fundamentirung der Kirche möglich ge-
wesen. Die Benützung des Fundaments
der im Jahre 1738 im Geiste dieser Zeit
erbauten war daher für die Baukafse von
unschätzbarem Nutzen, legte aber auch beim
Entwurf des Neubauplanes einen ungünstig
wirkenden Zwang auf. Wir heben dies
ausdrücklich hervor, um den Mangel des
bei einer so großen Kirche ungern ver-
mißten schönen und malerischen Architektur-
bildes im Innern einigermaßen zu erklären,
zugleich aber auch, zu konstatiren, daß die
Aufgabe der monumentalen Malerei da-
durch namhaft erschwert und ihre Wirkung
theilweise beeinträchtigt wird. Der Be-
schauer hat beim Eintritt in die Kirche
den ganzen Flächengehalt des Lang- und
loading ...