Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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Anderes ist, selbst bauen können, und ein
Anderes, erkennen und verstehen, welches
die Faktoren der architektonischen Schönheit
und Einheit sind. In dieser Erkenntniß
liegt auch eine mächtige Steigerung des
ästhetischen Genusses.

Dies also ist das Ziel, welches wir
uns mit der nachfolgenden Arbeit setzen.
Wir glauben uns auf die nachgenannten
Objekte beschränken zu dürfen.

Elemente des Baues; Mauer, Sockel,
Gurt- und Hanptgesims; Elemente der
Prosilirung.

Umschreibnngslinien des von dem Kirchen-
gebäude eingenommenen Raumes, Grundriß,
verschiedene Formen desselben. Eintheilung
des Raumes, Ober- und Unterchor, Neben-
chöre, Quer- und Längenschiff, drei- und
mehrtheilige Schisse, Chorumlauf.

Die Umfassungsmauer der Kirche; ihre
Bestandtheile; Aufriß.

Verschiedene Hauptformen des Aufrisses;
einschiffige Kirchen, mehrschiffige Basiliken
und Hallenkirchen. Byzantinischer Aufriß.
Krypten. Doppelkapellen, Kapellen in dem
zweiten Stock.

Fortsetzung von Nr. 1. Behandlung
der Umfassungsmauer und Giebel; Portale,
Fenster, Giebelgesims.

Das Innere der Kirche; Umfassungs-
mauer und Eindeckung; Stützen derselben,
Säulen und Pfeiler. Gewölbe und Pfeiler-
system, Strebebogen und Strebepfeiler,
Trisorien.

Thurm-Anlagen.

Vorhallen.

Mit dieser sachlichen Aufzählung ist auch
im Allgemeinen der Gang vorgezeichnet,
den wir einhalten wollen. Zugleich ist
daraus ersichtlich, daß die Grnndeiutheilung
nicht nach den verschiedenen Stylen, sondern
nach den Haupttheilen des Baues getroffen
ist. Wir ziehen letztere Methode vor, da
Wiederholungen bei der einen wie bei der
andern nicht zu vermeiden sind, und sie es
gestattet, die verschiedenen Stylarten bei
jedem Bautheil gleichzeitig auch durch die
in den Text eingeflochtenen Abbildungen
vor Augen zu führen und damit eine ver-
gleichende Darstellung der Styl-Unterschiede
zu verbinden. Diese Methode ist der
Sicherheit in der Stylkenntniß sehr för-
derlich.

1. Elemente des Baues.

Einen Bau zu erstellen, der dem Be-
dürfniß schlechthin genügt, dem Menschen
Obdach und Schutz gegen elementare Ein-
flüsse , oder selbst zu gottesdienstlicken
Zwecken Aufenthalt gewährt, dazu genügt
allerdings eine einfache, durch-
aus unverzierte Umfassung mit-
telst einer nach dem Gesetz der
Statik errichteten Mauer. Beim
Anblick einer solchen Bildung
Fig. 1 ist aber das Auge un-
befriedigt; es fühlt den Mangel
nicht unwesentlicher Glieder nicht
bloß aus ästhetischen, sondern
auch ans Gründen der Ver-
nunft, und das umsomehr, je
höher die Mauer ist. Dasselbe
gilt von einem Mauerpfeiler Fig. i.
oder einer Säule. Der untere nun-

und obere Theil der Mauer Mauer,
verlangt eine Verstärkung, Sockel und
Gesims, weil der Fuß der Mauer eine
breitere Basis und das obere Ende eine
Verstärkung haben soll, um dem Druck
und Schub der Bedachung leichter zu wider-
stehen. Ist die Umfassungsmauer des Ge-
bäudes hoch oder dieses im Innern in
mehrere Stockwerke getheilt, welche sich
äußerlich durch zwei oder mehrere Reihen
von Fenstern aussprechen, so fordert das
ästhetische Gefühl noch eine weitere Bele-
bung, beziehungsweise Abgrenzung der
getrennten Wohnräume durch ein weiteres
horizontales Glied, welches Gesims genannt
wird, und zwar im Unterschied von andern
ähnlichen Trennnngsgliedern Gurtge-
sims, weil es wie ein Gürtel um die
Umfassungsmauer gezogen ist.

Vergleicht man den hienach
gebildeten Mauerschnitt Fig. 2
mit Fig. 1, so fällt der Fort-
schritt in die Atlgen, aber er
erscheint plump, weil das Sockel-,

Gurt- und Hauptgesims un-
förmlich sind. Sie leichter zu
machen, ohne ihren Zweck gn
vereiteln, dazu dringt der For-
mensinnunwillkürlich. Zu diesem
Behufe gibt man ihnen in Ab-
änderung des rechtwinkligen Um-
risses mehrere Glieder in ver- Fig. 2.
schiedener Linienbewegung, um in das
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