Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 6
DOI Heft: 10.11588/diglit.15861.3
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15861.5
DOI Seite: 10.11588/diglit.15861#0010
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1885/0010
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
— 6

Mitte, rechts die Seraphim, links die
Cherubim. Auf sie folgen, auf beiden
Seiten vertheilt, die Ordnungen der zweiten
und dritten Hierarchie, welche nach dem
Apostel Paulus der Inbegriff von Macht
und Herrschaft sind, nämlich die Herrschaften,
ausgezeichnet durch das höchste Verlangen
nach der Ehre Gottes und Ausbreitung
seines Reiches; die der Mächte oder Ge-
walten (potemntes), die Engel der wunder-
baren Stärke — diese links —; die Für-
stenthümer, nach Dionysius die Engel der
reinen Meinung; die Kräfte, oder Engel,
welche mit unüberwindlicher Macht sich
Gott itub göttlichen Dingen darbieten;
zuletzt die übrigen Ordnungen der letzten
Hierarchie, Engel und Erzengel, diese Boten
Gottes, Vollzieher und Verkündiger des
göttlichen Willens.

Hiemit ist die Darstellung des himmlischen
Jerusalem in den obern Räumen des
Sanktuariums der Kirche vollendet. Der
hl. Apostel Johannes sieht aber in Offenb.
21,2 noch ein anderes, „das neue Jeru-
salem, die hl. Stadt, herabsteigen von Gott
aus dem Himmel, zubereitet, wie eine Braut
für den Bräutigam geschmückt ist", die
„Wohnung Gottes bei den Menschen",
oder die Kirche Gottes aus Erden, die
streitende, in welche das Wirken und
die Kraft der triumphirenden Kirche sich
untrennbar einslicht, ja in der sich Christi
Werk fortsetzt. Denn nach Ephes. 1, 23
ist die Kirche Christi aus Erden die Vollen-
dung dessen, der alles vollendet. Ihre und
ihrer Glieder apostolische Arbeit aus Erden
und die persönliche Heiligung der Anser-
wählten muß das Werk Christi mit der
von ihm verliehenen Vollmacht und Gnade
bis an das von Gott gesteckte Ziel führen:
Verherrlichung Gottes und Theilnahme
der Auserwählten an den Gütern des himm-
lischen Jerusalem im Schauen Gottes von
Angesicht zu Angesicht.

In Fortführung des Planes schließt sich
also eine zweite Reihe von Darstellungen
an; mit Schilderungen des fortgesetzten
Wirkens der hl. Jungfrau (Titelbild im
Chor und das ganze Querschiss), in histori-
schen Bildern aus dem Wirkungskreise der
Apostel und der Heiligen, oder vielmehr —
mit Rücksicht aus den Charakter der Kirche
als Cisterzienserkirche — aus dem Leben
des hl. Bernhard (Schiffwände und Ge-

wölbeslächen unmittelbar über dem Gesims);
in statuarischen Bildern von Heiligen und
Seligen, welche mit Christi Gnade schon
vollendet haben, und zwar aus dem Cister-
zienserorden mit Rücksicht auf die Ordens-
kirche (Mittelhöhe der Wände des Ober-
und Unterchors, sowie des Schiffs); endlich
in sinnbildlichen Darstellungen der streiten-
den Kirche, das „Bete und arbeite" der
hl. Regel. (Wandflächen des Oberchors.)

Bei der näheren Schilderung richten
wir uns nach der örtlichen Aufeinander-
folge, wiederum ausgehend vom Oberchor.

Die Reihe beginnt mit der Mutter des
Herrn, welche, als die in den Himmel Auf-
genommene, die Königin des Himmels, zu-
gleich Mutter der göttlichen Gnaden und
Helferin der Christen, das Zwischenglied
beider Reiche, die Herrin in dem einen
und andern ist. Da sie unter dem Titel
der in den Himmel Aufgenommenen der
U'itulu8 aller Cisterzienserkirchen ist, so ist
ihrem Bilde der rechte Platz von selbst
angewiesen: unmittelbar hinter dem Hoch-
altar aus der außerhalb vom Thurme be-
gränzten, durch kein Fenster geöffneten östli-
chen Chorwand bis zur Kämpferhöhe zwi-
schen den beiden östlichen Chorfensteru.
Nicht die Handlung der Aufnahme, sondern
die in den Himmel Aufgenommeue mußte
Gegenstand der Darstellung sein, was neben
dem unverhältnißmäßig breiten Raum die
Schwierigkeiten der Darstellung nicht
verminderte. Das Bild ist eine Gruppe
von elf Figuren: die in den Himmel auf-
geuommene Mutter des Herrn, im ovalen
Nimbus auf Goldgrund, das Haupt vom
Sternenkranz umgeben, die Hände spendend
gegen die Erde gewendet. Rechts und links
gruppiren sich zehn Engel; rechts kniet
der erste mit der Lilie, links ein anderer
zu ihren Füßen, emporhebend und tragend
die Krone der Himmelskönigin; neben
und theilweise hinter den erstern stehend
tragen drei andere auf beiden Seiten
vertheilt die drei Kronen des Rosenkranzes,
die weiße, rothe und goldene, d. h. die
Symbole der Verdienste, welche die Mutter
Jesu in ihrer freuden- und schmerzenreichen
Mitarbeit im Leben Jesu erwarb, und der
Glorie, mit der sie dafür gekrönt wurde; die
übrigen Engel, theils stehend, theils schwe-
bend, in Liebe und Lobgesang ergossen, vollen-
den die Gruppe in schöner, ruhiger Anord-
loading ...