Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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Pfeilern die Bilder: links des sel. Konrad,
Bischofs und Bekenners, und des sel. Wil-
helm, rechts des hl. Erzbischofs Malachias
und des hl. Gerard, Bekenners, sämmtlich
dem Cisterzienserorden angehörig.

Endlich beginnt auch schon im Chor
und zwar an den Wandflächen unter den
Fenstern die Reihe der Bilder, welche den
Lebenden in ihrem Leben und Kämpfen
für Gottes Ehre und die eigene Seligkeit
als Regel und Vorbild dienen. Die Regel
des hl. Benediktns — zugleich die des
Cisterzienserordens — faßt alles christliche
wohlgeordnete Thun in die Worte zusammen:
orn et Inborn, „bete und arbeite". Der
erste Theil dieser Regel ist in dem kirchlich
geordneten und ju allen Tageszeiten bei
Tag und Nacht geübten Chorgebet der
Mönche befolgt, der andere füllt die übrige
Tageszeit aus. Daher ist dieses orn et
Inborn bildlich in den Chor gestellt, in
welchem die Mönche sich täglich so oft
zum göttlichen Offizium zu versammeln
haben. Rechts im Chor, über dem Ora-
torium, ist das Bild des in der weltlichen
Einsamkeit betenden Christus mit der In-
schrift : ernt pernoetnns in orntione I)ei,
„er brachte die Nacht im Gebet mit Gott
zu", Luc. 6, 12. Auf derselben Seite die
Darstellung der Bitte der Jünger: „Herr,
lehre uns beten" mit der Inschrift: sic
er§o vos orabitis: Pater noster, qui
es in coelis, „so also sollet ihr beten:
Vater unser, der Du bist in dem Himmel",
Matth. 6, 9, und die Veranschaulichung
der ergreifenden Mahnung Christi: „Wachet
und betet, damit ihr in der Versuchung nicht
fallet", ausgeführt durch die Darstellung
der Versuchung Christi und Besiegung des
Versuchers. Auf der linken Seite ist die Ver-
herrlichung der Arbeit als einer von Gott
auferlegten Buße, also eines Gottesdienstes,
und der Segen der nach dem Willen Gottes
unternommenen Arbeit, zuletzt die Wahrheit
dargestellt, daß denen, welche das Reich
Gottes und seine Gerechtigkeit suchen, das
tägliche Brot und des Lebens Nothdurft
dazugegeben wird. Das erste geschieht in
dem Bilde des in der Werkstätte Josephs
arbeitenden Jesus, das zweite in dem des
reichen Fischzugs, das dritte in dem der
Speisung der Tausende in der Wüste.

Quersch iff.

Baulich ist dasselbe nicht regelrecht aus-

gesprochen. Es besteht nur aus einem
nördlichen und südlichen Flügel von gerin-
ger Tiefe, 3,15 m im Licht; im Mittel-
schiff, das sich ausschließlich als Längenschisf
fortsetzt, ist es architektonisch nicht ausge-
drückt, ausgenommen, daß es von der
Kämpfergesimshöhe an mit seinem offenen
Bogen in das Tonnengewölbe des Lang-
schiffs einschneidet. Die Aufgabe, das
Querschiff so zu behandeln, daß es zwar
als zusammenhängendes Ganzes, in der
Vierung aber — wenn man in diesem
Falle so sagen kann — als ein beiden
Schiffen gemeinschaftlicher Bautheil aner-
kannt wird, fiel der Malerei zu. Wir
glauben, daß sie sowohl in ihrem figurati-
ven, als auch dekorativen Theil so glücklich
gelöst ist, als es unter solchen Umständen
nur immer sein konnte. Es geschah durch
ein die freie Gewölbefläche des ganzen
ersten Joches ausfüllendes, figurenreiches
Bild, Mariä Schutzmantel und unter ihm
alle Stände der Gläubigen darstellend, 7 m
breit und 4 m hoch, eine der mühevollsten
und gelungensten Arbeiten. Wie schon
oben gesagt wurde, ist das ganze Quer-
schiff der Ehre der seligsten Jungfrau ge-
weiht. Demgemäß sind die Gegenstände
der bildlichen Darstellung gewählt und
angeordnet, in jedem Flügel zwei Gattun-
gen, vier historische: Verkündigung Mariä,
über derselben das in den alten Armen-
bibeln gewöhnliche Vorbild aus dem
Paradiese, Verfluchung der Schlange und
Verheißung des Weibes, das ihr den Kopf
zertritt (1. Mos. 3, 14), und Heimsuchung
Mariä mit dem ebenfalls in den Armen-
bibeln vorkommenden Vorbild, nämlich dem
Besuche Jethro's bei Moses in der Wüste
nach dem Auszug aus Aegypten (vergl.
die schöne in so vielen Zügen der Erfül-
lung ähnliche Erzählung in 2. Mos. 18,
1 —12). Diese beiden Darstellungen sind
an der Nordwand des linken Flügels zu
Seiten des Fensters. Gegenüber im süd-
lichen Arm sind die Aufopferung Jesu im
Tempel mit dem Vorbild der Opferung
Samuels durch seine Mutter Anna (I.Kön.
1, 23—28) und die Flucht nach Aegypten
mit der vorbildlichen Geschichte, welche in
1. Mos. 27, 42 ff. erzählt, daß Jakob aus
Geheiß seiner Mutter vor dem Zorn und
der Nachstellung seines Bruders Esau in
ein fremdes Land flieht. Die Darstellun-
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