Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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sich erniedrigt, wird erhöht werden" u. s. w.
Auf der einen Seite des Bildes ist nämlich
ein beflügeltes Herz dargestellt, welches der
Sonne zufliegen will, aber die Federn fallen
aus den Flügeln (Stolz); auf der andern
Seite aber reicht eine Hand aus Wolken
einem am Boden liegenden Herzen Flügel,
so daß es fliegen kann (Demuth). Abge-
sehen, wie gesagt, von solchen Bildern, ent-
hält fenes Buch gewiß auf je der 3. Seite
eine die ganze Seite füllende Darstellung,
welche fast immer eine ganze Begebenheit,
nicht nur eine Person, veranschaulicht und
sich durch große Deutlichkeit und ergreifende
Charakterisirung auszeichnet. Und was nützen
nicht solche Bilder! So ersetzt z. B. ein
Bild der Kreuzigung des hl. Petrus oder
Andreas die Erzählung dieser Begebenheit
und spricht dazu noch viel deutlicher als
Worte, prägt sich den: Gedächtniß viel besser
ein und ergreift das Herz viel lebhafter.

Warum also sollte man, während für den
Bilderfchmnck der Kirchen wieder so viel ge-
schieht, nicht auch daran denken, die Gebet-
bücher in dieser Hinsicht gut auszustatten?
Allerdings würde ein Künstler in Gebet-
büchern in „Westentaschenformat", die bei
vielen beliebt sind, nichts Bedeutendes leisten
können.

Geislingen a./St. Stpfr. Fuhrmans.

Lin Gedenkblatt

„gewidmetdem Wohlthätigleit s-Ba zar
zum Besten des 'Schwesternhauses der
bar mH. Schwestern in Stuttgart".

Zu den edelsten Gaben, welche für den Bazar
zur Gründung eines Schwesternhauses in Stutt-
gart gestiftet wurden, gehört zweifelsohne die des
Stuttgarter Künstlervereins „Tafelrunde", be-
stehend in sieben in Lichtdruck hergestellten Stu-
dienblättern, die der Beachtung sehr würdig sind.
Das erste Blatt zeigt die Facsimiles Ihrer Ma-
jestät, der Herzogin von Urach und des Bischofs
von Rottenburg; hierauf folgt als Prolog ein
Gedicht (von Theodor Souchay), eine von der
Idee der Humanität durchwärmte Poesie. Das
zweite Blatt bringt das Brustbild des hl. Vin-
cenz von Paul, des Stifters der Kongregation
der barmherzigen Schwestern, darunter eine Skizze,
welche den Engeln des Schlachtfeldes gewidmet
ist, von Gebhard Fugel. Auf dem Kirchhof hat
die mörderische Schlacht gewüthet und Todte auf
Todtenhügel hingestreckt; aber die Gräber sind
auch das harte Bett für Verwundete und Ster-
bende geworden, denen die barmherzigen Schwe-
stern körperliche Hilfe und geistlichen Sterbetrost
spenden. Ein ergreifendes Bild, vom Verwesungs-
hauch des Todes, aber auch von himmlischer Luft
christlicher Liebe, die stärker ist als der Tod,
ganz durchweht. Das dritte Blatt trägt eine
Madonna von Direktor Schraudolph; die Mutter

der Barmherzigkeit neigt sich in unendlichem Er-
barmen, Seele und Auge in Wehmuth des Mit-
leids getaucht, hinab zur leidenden Menschheit
und hält das hl. Kind, das von ihrem Schooß
aus Segen in die Erdennoth träufeln läßt. Die
Geburt dieses Kindes aber erzählt das vierte
Blatt: Anbetung der Hirten von Prof. Grünen-
wald; hier fließt Armuth und Anmuth, Men-
schenwelt und Engelwelt, Stallesniedrigkeit und
Himmelsglorie zu einer Komposition von schön-
ster Harmonie zusammen. Das fünfte Blatt
von Karl Probst zeichnet das durch Gottesfurcht
und Gebet verklärte Greisenalter. Eine lange
Reihe von Jahrzehnten, d. h. Mühen, Sorgen
und schweren Geschicken, ist über dieses Haupt
hingegangen und hat diese Haare gebleicht, diese
tiefen Furchen in die Stirne gegraben; jetzt kann
ihm die Welt nichts mehr auhabcn; hingebeugt
über seinen Stab weilt der Greis in andern
Welten, die Glaube und Hoffnung ihm erschlossen.
Er hat vielleicht noch dem Gottesdienst in der
Kirche augewohnt, die jetzt halbe Ruine ist und
in welche Blatt 6 (Verlassene Kirche gez. von
Ernst Kielwein) uns einführt. Modernd vor
Alter, durch die Unbill der Zeiten ihrer hohen
Bestimmung entzogen und in Ruhestand versetzt,
scheint sie ganz in Erinnerung an die alten
Zeiten versunken, wo ihr Edelstein noch nicht
ausgebrochen war; sie träumt noch von dem
Weihrauch, der einst zu ihrem Gewölbe empor-
rollte, und von Orgelklang und Chorgesang,
dem sie einst Echo gegeben. Und der Vorwurf
zu dieser, von feinst enipfuudener Romantik be-
seelten Architekturskizze ist nicht etwa aus Sizilien,
sondern aus dem Neckarthal geholt, — ein schö-
ner Beweis, daß die Wanderlust nach Italien
das Auge des Künstlers nicht stumpf gemacht
hat für die Schätze des eigenen Vaterlands.
Das letzte Blatt ist ein würdiger Abschluß des
Ganzen; Fugels geübter Stift weist auf den
Heiland hin, das oberste Vorbild aller Kranken-
pfleger. Welche Kraft und Kühnheit liegt in
diesem Entwurf und zugleich welch feine Maß-
haltung! Von beiden Seiten baut das Bild sym-
metrisch und organisch mit schöner Freiheit und
Leichtigkeit sich auf und culmiuirt in der Mittel-
figur, der Gestalt Jesu, welche in göttlicher Ho-
heit und Macht über das Erdenelend emporragt,
in Mitleid und Erbarmen sich zu ihm herab-
neigt. Aus mehr als einem Grunde glauben
wir diese Blätter allen Kunstsinnigen empfehlen
zu sollen, ganz besonders aber deßwegen, weil
sie lautes Zeugniß ablegen, daß unsere Kunst-
schule auch in gegenwärtiger Zeit den Sinn für's
Ideale festhält; das zeigt sowohl die hochherzige
Stiftung für obgeuannten Zweck als auch der
Geist, der aus diesen Skizzen redet. K.

Zur Antwort auf mehrere Anfragen die Nach-
richt, daß der Separatabdruck der Artikel über
Altarstein und Tabernakelaltar mit drei artisti-
schen Beilagen in nächster Zeit die Presse verlassen
wird und dann im Buchhandel zu haben ist.

Lsiezu eine artistische Beilage mit Beichtstuhl.

Stuttgart, Buchdruckerci der Akt.-Ges. »Deutsches Volksbtatt".
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