Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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Archiv für christliche Kunst.

Organ des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Runst.

Uerausgegeben und redigirt von Dr. Fr. I. Schwarz in Lllwangen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Aunftvereins, für denselben: der Vorstand Dr. Fr. g. Schwarz.

Or

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Erscheint monatlich einmal. Halbjährl. für M. l. 35 durch die württemb. (M. I. 20
im Stuktg. Bestellbezirk), M. I. 50 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,
Frcs. 2. 50 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden auch angenommen von
allen Buchhandlungen, sowie direkt von der Expedition des „Deutschen Bolksblatts" in
Stuttgart, MUilärstr. 2E, zum Preise von M. l. 35 halbjährlich.

Grammatik der kirchlichen
Baukunst.

Von Dr. Fr. I. Schwarz.

(Fortsetzung.)

Man kann die Wichtigkeit der Prosilirung
für die Kunst liicht wohl überschätzen.
Jede Epoche einer höheren Kunst-Entwick-
lung hatte ihre Profile, um Leben, Kraft,
Ebenmaß und Schönheit zu erzielen, und
zwar die ihr eigenen, derart, daß man
nach ihnen Ort und Zeit der Entstehung
eines Monuments mit großer Sicherheit
bestimmen und die Kunstprodukte klassifi-
ziren kann. Das Profil redet in seinen
Formen eine Sprache, säst wie eine Schrift
oder eine Jahreszahl, wenn auch nicht
mit der Zeit-Einheit eines kurzen Jahres.
Ein ägyptisches, griechisches, römisches oder
byzantinisches Profil verräth sich dem
Kenner auf den ersten Blick so gut, als
ein romanisches oder gothisches. Sein Stu-
dium ist also nothwendig, theils zum Ver-
ständniß der Kunstgeschichte, theils zur
Erlernung der Regeln für ihre Nachbil-
dung. Kein Gebiet der Architektur ist der
bloßen Laune und Phantasie weniger, der
festen Regel aber mehr unterworfen, als
das Profil. (Vergl. Viollet-Ie-Oue, Dict.
Raisonne de l’Architecture VII, 483 f.)

So charakteristisch und bestimmt aber
auch die Prosilunterschiede der einzelnen
Stylarten sind, so lassen sie sich doch nicht
definiren, um sie sozusagen aus dem Wege
des Begriffs zur Kenutniß zu bringen.
Diese Eigentümlichkeiten müssen von dem
Auge ausgenommen werden, lange Hebung
muß sie in die Vorstellung einprägen und
oftmaliges Vergleichen mit den abweichen-
den die Unterschiede klarmachen. Es verhält
sich damit ähnlich, wie mit dem Erkennen
und Kennen von Personen. Man kann
von ihnen eine mehr oder weniger klare
Beschreibung geben, aber das treffendste

Signalement ersetzt nicht die durch das
Auge und den oftmaligen Umgang ge-
wonnene Gewißheit. Znm Glück sind die
Umriß-Verschiedenheiten zwischen den ein-
zelnen Stylarten groß genug, um in die
Augen zu fallen, obgleich sie sich — ab-
gesehen von den aus der Thier- und
Pflanzenwelt genommenen Motiven — ins-
gesammt aus die schon besprochenen Ele-
mente zurücksühren lassen.

Aus allen diesen Gründen kann man
nicht dringend genug rathen, sich das Stu-
dium der Profile durch oftmaliges An-
schauen, Zerlegen in ihre Elemente, durch
Vergleichen mit andern, besonders aber
durch Nachzeichnen angelegen sein zu las-
sen. Diese Arbeit wiederholt sich durch
alle Glieder eines Banmonnments hindurch
vom Sockel- bis zum Haupt- und Giebel-
gesims, durch Thüren und Fenster hinaus
bis zu den Gewölberippen und zur Kreuz-
blume auf den Thürmen. Auf diesem
Wege lernt man auch eine Bauzeichnung
und ihre Sprache verstehen, man lernt,
sich von dem geometrischen Entwurf eines
Baues das perspektivische Bild des Ganzen
und aller seiner Theile im Innern und
Aeußern zu vergegenwärtigen und es ans
seine Schönheit und Brauchbarkeit zu prü-
fen, wie wenn der Entwurf schon ausge-
führt wäre. Hiebei denken wir allerdings auch
an die Umrißlinien der Umfassungsmauern,
an den Grundriß, der als horizontaler
Schnitt nur im uneigentlichen Sinne ein
Profil genannt werden kann. Man sieht
also schon hieraus — ganz abgesehen von
der Bedeutung der Profil- oder Schnitt-
zeichnung für den Steinhauer —• wie viel
von dieser Kenutniß abhängt.

Eben deßhalb müssen wir uns bei dieser
allgemeinen Betrachtung noch nach einer
andern Richtung mit dem Profil überhaupt
beschäftigen. Was ist Profil? Es wird
definirt mit den Worten: es ist der verti-
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